VeranstaltungenSchwedischer Krimiabend im Literaturhaus
Anlässlich des neuen Krimis „Dunkelziffer“ von Arne Dahl, der im Februar auf deutsch erschien, lud das Literaturhaus Schleswig-Holstein zu einem Abend mit dem Übersetzer Wolfgang Butt. Der Skandinavist sprach voller Begeisterung über Autor und Werk Arne Dahls. Als fruchtbar erwies sich die Gegenüberstellung mit Henning Mankell. Den neuen Wallander Krimi, der im April auf deutsch erscheinen wird, hat Butt ebenfalls übersetzt.
Eine Lesung ohne die zugehörigen Autoren mag zunächst ungewöhnlich erscheinen. Das Fehlen Arne Dahls, der nach einer gestrigen Veranstaltung in Rendsburg bereits weiterreisen musste, fiel jedoch nicht weiter auf, da Wolfgang Butt mit viel Freude am Werk vortrug und das Publikum auf das lebhafteste unterhielt. Knapp über 60 Zuhörer füllten den Raum bis auf die letzte Stuhlreihe und lauschten dem Vortrag mit offenen Ohren. Dieser glitt dabei nie in professoralen Singsang ab, sondern zeigte Herz und Seele des Übersetzers, dem man den Spaß an der Sache anmerkte. Er sprach über den schwedischen Krimi an sich und die beiden Autoren im Besonderen.
Das Hereinbrechen der Gewalt
Der schwedische Krimi ist beliebt, gewalttätig und meist von hoher Qualität. Wie kommt es, dass Schweden ein so irgendwie geeigneter Raum für Krimis ist? Butt meint hierzu, dass es keine typisch schwedischen Formen des Verbrechens gebe. An sich seien die meisten schwedischen Probleme auch in Deutschland und der Welt vorhanden. Die Skandinavier empfänden jedoch den Bruch von einer relativ geschlossenen, harmonischen Gesellschaft hin zu globalisierten Verhältnissen als schockierender und überraschender. Das Hereinbrechen der Gewalt in eine als heil empfundene Welt muss wohl eine Art kleines Trauma hinterlassen haben. So findet Butt dann auch bei Mankell viel Nostalgie und Rückschau auf eine bessere, gewaltlosere Vergangenheit. Noch heute hört Butt Schweden „Wir fahren nach Europa“ sagen, wenn sie an Bord der Fähre nach Kiel gehen.
Dieser Bruch mag den Blick auf die dunklen Seiten der menschlichen Verhältnisse geschärft haben. Sowohl Dahl als auch Mankell decken die Schwächen der eigenen Gesellschaft und verdrängte Seiten der schwedischen Geschichte auf. In „Besuch des Tanzlehrers“ thematisiert Mankell beispielsweise das Neonaziunwesen im heutigen Schweden und erinnert an schwedische Naziunterstützer während des II. Weltkrieges. Arne Dahl wiederum, auf die auffällig hohe Gewaltsättigung des schwedischen Krimis angesprochen, merkte einmal an, dass er zwar auch über einen Fahrraddiebstahl schreiben könne, dieser jedoch nicht genug emotionale Aufwallung und Berührung des Lesers ermögliche.
Durch die Gegenüberstellung zweier Autoren gewann manche Besonderheit schärfere Kontur. Ein grundlegender Unterschied zwischen Dahl und Mankell ist augenfällig, nämlich die eine große Hauptfigur bei Mankell und ein ganzes Team als Protagonisten bei Dahl. Mankells monoperspektivische Polizeiromane nehmen uns mit auf die Lebensreise Kurt Wallanders, dessen Gedankenwelt wir kennen lernen, dessen Blick auf das Geschehen wir folgen. Er ist der einsame existentielle Held. Auch Dahl schreibt Polizeiromane und aus der Gruppe von bis zu zehn Mitgliedern einer Polizeisondereinheit wird je Roman eine Figur als Hauptperson hervorgehoben. Während jedoch Wallender, so Butt, mit seinen Positionen alleine vor sich hingrübele, gebe es bei Dahl einen regen Austausch der Figuren und eine gegenseitige Beeinflussung. Durch diese Vielstimmigkeit und wechselnde Perspektive bei Dahl entstehe eine andere Dynamik als bei Mankell.
Schrecken der Vergangenheit – Kaputte Welt der Gegenwart
Im April wird der neue Wallander „Feind im Schatten“ erscheinen. Wallander ermittelt darin auf eigene Faust den Fall des Verschwindens eines hohen Marineoffiziers namens Håkan von Enke. Bei diesem handelt es sich um den Schwiegervater in spe seiner Tochter, was der ganzen Sache eine persönliche Dringlichkeit gibt. Die Handlung führt zurück in die Zeit des Kalten Krieges, während dessen immer wieder fremde Uboote in schwedischen Gewässern gesichtet wurden, und bringt Wallander auf die Spur politisch brisanter Geheimnisses. Zugleich ist der Krimi ein Blick in die eigene Vergangenheit der Hauptfigur und ein, so Butt, feinfühliges Porträt von Person wie Karriere Kurt Wallanders. Am Ende wird angedeutet, dass der Polizist wohl aus dem Dienst ausscheiden wird.
Laut Butt behandelt Dahl in seinen Krimis je ein leitmotivisches Thema. In „Dunkelziffer“ thematisiert er Verwahrlosung und Eltern-Kind Verhältnisse. Die Geschichte beginnt mit dem Verschwinden der vierzehnjährigen Emily in den Wäldern des nordschwedischen Ångermanlands und ist gewürzt mit von Klaviersaiten blutig durchtrennten Halsschlagadern. In Anlehnung an Joseph Conrads unvergessenes Werk „Herz der Finsternis“, das in „Dunkelziffer“ auch selbst in Erscheinung tritt, führt Dahl den Leser in die bedrückend unheimliche schwedische Wildnis und zugleich in die Dunkelheit der menschlichen Seele. Es ist eine kaputte Welt voller kaputter und trauriger Menschen. Anzumerken sei noch, dass „Arne Dahl“ ein Pseudonym des Schriftstellers Jan Lennart Arnald ist.
Wer mehr über das Programm im Literaturhaus erfahren möchte, kann dies unter www.literaturhaus-sh.de. Der Abend war zugleich Teil des diesjährigen Kultur-Rauschs, der noch bis zum 28. März anhält: www.kultur-rausch.de. Arne Dahls „Dunkelziffer“ (ISBN 3-492-05350-5) ist bereits in jeder Buchhandlung erhältlich. Henning Mankells „Der Feind im Schatten“ wird leider erst ab April zu kaufen sein.
Jörg Ludolph

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Über den Autor
Jörg Ludolph;Alte Akten und Staub der Archive sind Jörg ebenso eine Lust wie die Freuden grüner Natur und freier Kultur. Zwischen Welt da draußen und Schreibtisch pendelnd füllt er das Sammelkartenalbum des Daseins. Hauptsache bleibt, dass der Grill brennt.










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