Kino30.09.10 /// Kinostart des deutsch/polnischen „Heimatfilms“
druckenHochzeitspolka: Regisseur Lars Jessen im Interview
In den Kinos startet heute „Hochzeitspolka“, der neue Film des Kieler Erfolgsregisseurs Lars Jessen, der mit der Verfilmung des Romans „Dorfpunks“ bekannt wurde. Vorab sprach kielerleben.de mit dem gebürtigen Kieler über Provinzen, Freundschaft und polnische Stimmungsmacher.
Sie sind ja in Kiel geboren – auch dort aufgewachsen oder doch in ländlicherer Gegend?
Lars Jessen: Bis zu meinem neunten Lebensjahr bin ich in Kiel aufgewachsen, danach bin ich mit meiner Mutter nach Dithmarschen gezogen, wo ich weitere zehn Jahre verbracht habe. Danach zog es mich noch einmal für ein paar Jahre nach Kiel, bis ich dann zum Studieren nach Köln ging. Ich habe aber immer noch einen Zweitwohnsitz am Brahmsee, also direkt vor den Toren Kiels.
Der Alltag, das Leben und das Arbeiten in der Provinz spielte bisher in all Ihren Filmen und aktuell in „Hochzeitspolka“ eine große Rolle – wieso dort?
Ich finde, man sollte immer das machen, was man kennt und womit man sich auskennt. Das kann man am besten da, wo man herkommt. Heimatfilme sind immer ein Teil von einem selbst, von der eigenen Lebenssituation. Daher habe ich zuerst Coming-Of-Age-Filme gemacht, die meine eigenen Reflektionen dieser Jahre der Orientierung widerspiegeln, und jetzt mit Anfang 40 gucke ich eben, was einen als Anfang-30-Jährigen so beschäftigt hat: Man guckt auf Freundschaften zurück, hat jetzt einen anderen, reflektierteren Blick auf alles, auch auf das, was die eigene Identität ausmacht.
„Heimatfilm“ ist für Sie also kein negativer Begriff?
Ganz und gar nicht! Im Gegenteil, bei uns in Deutschland ist der Begriff nur sehr negativ behaftet. Wenn man sich zum Beispiel englische Filme ansieht, so ist es da ganz normal, dass die Umgebung als Teil der Kultur im Film eine Rolle spielt. Das ist ja auch „Heimat“. Ich finde, da muss man ran an diese Thematik, damit sich etwas ändert! Und gerade die ländlichen Gegenden bieten viel Raum für einen Heimatfilm, ich staune selbst noch immer, wenn ich mal zurück in meinen alten Heimatort komme und immer noch vieles beim Alten ist. Die Beständigkeit, auch in Bezug auf den Blick auf die Welt, hat auch etwas Romantisches.
Also würden Sie schon sagen, dass sich Schleswig-Holstein gut als Filmland eignet?
Von der Landschaft her auf jeden Fall, die ist hier ja sehr vielseitig und schön. Von den Drehbedingungen her wird es langsam besser, da sich in Sachen Filmförderung wenigstens in kleinen Schritten etwas tut. Aber man hat trotzdem nicht das Gefühl, dass Schleswig-Holstein sich bemüht, das Land auf diese Weise vorzustellen. Als Filmregisseur fühlt man sich nicht wirklich willkommen. Wenn man da mal Berlin gegenüberstellt, was ein Bundesland ist, das ungefähr ähnlich stark verschuldet ist, aber doppelt so hohe Filmfördergelder investiert wie Schleswig-Holstein und Hamburg zusammen! Und den Ertrag erkennt man sofort: Berlin ist das Synonym der deutschen Gegenwart geworden. Und Film ist ein sehr wichtiges Aushängeschild für die Stadt.
Dann wäre es doch einmal Zeit für einen Kiel-Film …
Ich habe ja schon einmal einen Kieler Tatort gedreht. Ich weiß, die Leute sagen immer, dass da ja geografisch gar nichts stimmt, aber ich habe bei unserem Dreh zu „Borowski und die einsamen Herzen“ penibel darauf geachtet, dass da nicht einer in Gaarden losfährt und plötzlich in Schilksee ist. Da stimmen alle Abläufe. Das war natürlich für mich als Kieler nicht schwer und hat sehr viel Spaß gemacht. Von daher würde ich gerne irgendwann noch mal einen Kiel-Film machen.
Jetzt verlagern Sie die Haupthandlung nach Polen – aber wieder in die Provinz. Sind Provinzen überall gleich?
In Polen gibt es einen sehr starken Kontrast der ländlicheren Bereiche und der Städte. Während die Leute in urbanen Gegenden sehr westeuropäische Ansichten vertreten, sind die ländlichen teils noch sehr urtümlich. Da leben die Menschen mitunter noch in Holzhütten. Natürlich macht es viel mehr Spaß, eine Hochzeit in einer solchen Provinz abzuhalten, weil da die Leute ganz anders reagieren, wenn plötzlich Frieders ehemalige Bandkollegen der Rockband „Heide Hurricanes“ die Festlichkeiten aufmischen.

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Über den Autor
Dana Wengert;ist eine film- und fernsehverrückte Neu-Kielerin, die es vor fünf Jahren aus Mainz hierher verschlagen hat. Sie verbringt viel Zeit im Kino und vor dem Computer, übt sich aber gerne auch im Zeichnen, Lesen, Musikhören und den Annehmlichkeiten des Erkundens von Kiels schönsten Seiten.










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