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Citynews05.01.13 /// Johannes Oerding im InterviewSeite drucken drucken

Neue Klänge aus dem Schwentinental

Neue Klänge aus dem Schwentinental

Der Sänger und Songwriter Johannes Oerding veröffentlicht im Januar sein neues Album „Für immer ab jetzt“. KIELerLEBEN traf ihn im verschlafenen Schwentinental bei Preetz, wo die Aufnahmen der neuen Songs stattfanden.

Ortstermin in Lehmkuhlen. Nicht einmal der Taxifahrer weiß auf Anhieb, welche Abfahrt zu dem alten Resthof am Rande eines Waldstücks bei Preetz führt. Eine kalt glänzende Wintersonne steht über den Gebäuden, als wir sie schließlich doch finden. Die Bäume ringsum haben ihr grünes Kleid schon längst an die Herbststürme verloren, und ihre Äste sind von einem dünnen Raureif gekleidet, der den ersten Schnee ankündigt. Hier liegt das Haus des Musikproduzenten Mark Smith – und das Studio, in dem der Sänger und Songwriter Johannes Oerding sein aktuelles Album „Für immer ab jetzt“ aufgenommen hat. „Die Landschaft ist natürlich famos“, sagt Oerding mit seiner leisen, ernsten Stimme schwärmend. „Wir konnten während der Produktion im Sommer jeden Abend zusammen grillen, wie alte Männer spazieren gehen und morgens im Wald joggen.“ Was für einen Wahl-Hamburger aus dem hippen Schanzenviertel auf den ersten Blick auffällig spießig wirkt, ist in Wahrheit Teil der Inspiration, die dem Album seine Weite gegeben hat. „Die Ruhe ist einfach der Hammer – nicht einmal einen guten Handyempfang hat man hier. Man vergisst tatsächlich etwas die Zeit.“ Doch das Schwentinental ist nicht der einzige Ort in Schleswig-Holstein, an dem die Songs für das neue Werk, das im Januar in die Läden kommt, geschrieben wurden. Auch ein Zimmer in einem Strandhotel in Glücksburg wurde kurzerhand zum Studio umfunktioniert: „Das war ein echter Glücksfall für uns“, erinnert sich Oerding und denkt gern an die malerische Flensburger Förde zurück. „Wir arbeiteten zwei Wochen lang mit Blick aufs Meer, das war eine tolle Erfahrung.“ Die entspannte Atmosphäre spiegelt sich auch im dabei entstandenen Album wider, auf dem einmal mehr positive, wenn nicht sogar dankbare Töne vorherrschen. „Die neuen Songs klingen eher fröhlich und sind relativ schnell“, befindet auch der Künstler selbst, „denn es sind viele gute Dinge während dieser Zeit passiert. Die nachdenklichen, melancholischen Stücke wurden hingegen zum Teil schon vor Jahren geschrieben und jetzt neu aufbereitet.“ Es sind gerade diese ruhigen, zurückgenommenen Titel, die „Für immer ab jetzt“ ihre Tiefe verleihen.


Foto: Merle Primke

Wenn Johannes Oerding über seine Musik redet, lebt er sie praktisch schon vor, singt immer wieder Texte an, um sie dann zu erklären, trommelt Beats auf dem Tisch, gestikuliert und zappelt aufgeregt auf seinem Stuhl herum. Er wirkt auf eine authentische Art pur, ohne perfekt zu sein. Vielmehr hat er sich auch nach den Erfolgen der vergangenen Jahre seine Zweifel, fast schon eine stille Zerbrechlichkeit erhalten. Zwei Jahre hat er sich Zeit genommen für das Nachfolgealbum von „Boxer“, das sofort auf Platz elf der Charts einstieg und den in Münster geborenen Künstler endgültig in der ersten Liga der deutsch-sprachigen Liedermacher etablierte. „Ich muss sagen, dass sich für mich diese zwei Jahre genau richtig anfühlen“, beschreibt Oerding die für die heutige schnelllebige Musikwelt lange Abwesenheit. „Es verwirrt eher, wenn man zu viel zu schnell produziert. Jetzt hingegen empfinde ich einen gewissen Hunger der Leute auf neues Material. Zudem haben wir unsere Zuhörer auch immer wieder durch Konzerte, akustische Aufnahmen und Gratissongs im Internet versorgt, sodass sie trotzdem weiter am Ball blieben.“

„Die Ruhe ist einfach der Hammer – nicht einmal einen guten Handyempfang hat man hier. Man vergisst tatsächlich die Zeit.“

Überhaupt, die Konzerte. Die sind für den Vollblutmusiker die Basis seines Schaffens. „Man muss live immer besser werden, denn dieses Erlebnis kann man nicht kopieren und mit keinem iPhone dieser Welt festhalten – da liegt die Zukunft unserer Zunft“, erklärt der gerade 31 Jahre alt gewordene Künstler auch mit Blick auf die schwindenden Umsätze aus Plattenverkäufen. Problematisch sieht er in diesem Zusammenhang die oftmals überzogenen Sehnsüchte des Musikernachwuchses: „ Als ich mit 17 zum ersten Mal in Hamburg ins Studio eingeladen wurde und meinen ersten Künstlervertrag bekam, habe ich auch gedacht, in Hollywood angekommen zu sein“, sagt er und schmunzelt ob seiner damaligen Naivität. „Dass es aber noch zehn, zwölf Jahre dauern würde, bis ich zumindest die ersten Früchte meiner Arbeit ernten konnte, habe ich damals nicht gedacht.“ Die Versprechungen in Casting-Shows sähen jedoch anders aus. „Den jungen Leuten wird vorgegaukelt, sie seien ‚The Voice‘, Deutschlands größter Superstar und so weiter“, zeigt sich Oerding nachdenklich. „Die wissen gar nicht, dass man sich Fans erst mühsam erspielen muss. Woher auch?“

Seine intensive Livearbeit hat Johannes Oerding auch immer wieder nach Kiel geführt. An die Stadt an der Förde hat er indes nur die besten Erinnerungen. „Ich habe dort immer gute Erfahrungen sammeln können“, erzählt er. „Ich habe im Blauen Engel am Hafen vor 20 Leuten angefangen, mich zur Pumpe hochgearbeitet und bin mittlerweile in der Halle400 und auf der Kieler Woche angekommen. Das Publikum wächst von Mal zu Mal, denn die Norddeutschen erzählen ihre Begeisterung auch gern weiter.“ Und sein Produzent Mark Smith ergänzt: „Die Identifikation mit einem Künstler aus dem Norden wird vom Publikum auch ganz bewusst gesucht. Wenn man zum Beispiel in Rendsburg vor 800, 900 Leuten spielt, ist man quasi ein Teil der Stadt – in Hamburg interessiert das hingegen niemanden.“


Johannes Oerding und sein Produzent Mark Smith im Gespräch mit KIELerLEBEN; Foto: Merle Primke

Auch die aktuelle Tournee, die Johannes Oerding einmal mehr kreuz und quer durch Deutschland führen wird, geht wieder in Kiel vor Anker. Am 12. April gastiert der Musiker mit seiner Band in der Halle400. Auch da am Wasser. Und nur wenige Kilometer vom Schwentinental entfernt.

Johannes Oerding …
… wurde 1981 im westfälischen Münster geboren und lebt seit acht Jahren in Hamburg. Nachdem er sich eine erste Fanschar durch zahlreiche Liveauftritte über Jahre erarbeitete, wurde eine breitere Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam, als er 2009 im Vorprogramm von Bands und Künstlern wie Simply Red, Ich + Ich, Stefanie Heinzmann sowie Ina Müller auftrat. Sein Debütalbum „Erste Wahl“ wurde im selben Jahr von einer ausverkauften Solotour begleitet, 2011 folgt „Boxer“, das auf Platz elf der deutschen Albumcharts einstieg. Mit „Für immer ab jetzt“ legt Johannes Oerding im Januar 2013 sein drittes Soloalbum vor.
www.johannesoerding.de

Das Interview führte Thomas Raukamp

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