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Citynews08.11.12 /// Kunsthalle vom 10. November – 17. FebruarSeite drucken drucken

Überwältigend kühn

Überwältigend kühn

Der Künstler Christian Rohlfs starb 1938. Ein Jahr zuvor wurde er aus der Akademie der Künste geworfen. Aus der Kieler Kunsthalle wurde die Hälfte seiner dort gesammelten Werke entfernt. Jetzt, 75 Jahre nach Rohlfs Tod, besitzt die Kunsthalle 1850 Werke des Künstlers – mehr als je zuvor. In einer Auswahl zeigt die Kunsthalle vom 10. November – 17. Februar den ganzen Rohlfs.

Wer war Christian Rohlfs? Beginnt der Besucher seinen Gang durch die Ausstellung, begegnet ihm gleich zu Beginn eine großformatige Schwarzweißfotografie. Zu sehen ist der Pfeife rauchende Christian Rohlfs als freundlicher alter Mann mit weißen Haaren und weißem Bart. Er strahlt Ruhe aus, blickt zugleich wach und neugierig uns an. Er scheint angekommen zu sein. Doch der Weg zur Kunst war ihm nicht in die Wiege gelegt worden.

Im Jahr 1849 wurde Christian Rohlfs in Holstein geboren und lebte in einfachen, ländlichen Verhältnissen. Mit 15 Jahren fiel er vom Apfelbaum, verletzte sich schwer und hatte Glück im Unglück. Denn der behandelnde Arzt erkannte sein künstlerisches Talent. Dank der Unterstützung des Großherzogs von Weimar konnte Rohlfs auf dessen Kunstschule studieren. Bedeutsam für sein weiteres Leben war die Amputation seines rechten Beins im Alter von 24 Jahren. Diese hinderte den gebürtigen Holsteiner aber nicht, in der Welt herumzukommen. Stationen seines Lebens und Arbeitens waren unter anderen Weimar, Dresden, Berlin, Lübeck, Hagen und Ascona am Lago Maggiore.

Ankommen

Zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte Rohlfs sich einen Namen gemacht und als Maler etabliert. Seine Werke waren Teil der 2. Ausstellung der Berliner Secession im Jahr 1900. Bald darauf erfolgte 1902 die Verleihung des Professorentitels in Weimar. Zu seinem 70. Geburtstag 1919 gab es Einzelausstellungen, unter anderen in der Nationalgalerie in Berlin. Es folgten bis zu seinem Tod am 8. Januar 1938 weitere Ausstellungen von Wuppertal bis Detroit. Rohlfs war zudem Mitglied in den angesagten deutschen Künstlerbünden des frühen 20. Jahrhunderts und hatte Kontakt mit den großen, noch heute bekannte Namen seiner Zeit. Nebst anderen ließ er sich durch van Goghs Werke inspirieren, hatte eine Begegnung mit Edvard Munch und schloss lebenslange Freundschaft mit Emil Nolde.

Warum blieb Christian Rohlfs bei alledem doch deutlich weniger in Erinnerung, ist in der Breite weniger bekannt als seine Zeitgenossen? Frau Dr. Annette Hüsch, Direktorin der Kunsthalle zu Kiel, sieht bei Rohlfs einen gewissen Mangel an Selbstvermarktung. Er habe zudem wenig schriftliche Äußerungen hinterlassen, sei zwar gesellig aber nicht sehr gesprächig gewesen. Eine gewisse Rolle könnte auch sein Werk selbst gespielt haben. Immer wieder wird Rohlfs eine eigene Handschrift bescheinigt. Beim ersten Blick fällt jedoch vor allem die bewegliche Vielfalt seines Schaffens auf.

In Bewegung bleiben

Der Leiter der Gemäldesammlung der Kunsthalle zu Kiel, Herr Dr. Peter Thurmann, verweist auf einen Satz des Kunstkritikers Paul Westheim von 1918: „Rohlfs nimmt auf, aber nicht an.“ Hiermit verweist er auf den immer wieder Neues erkundenden Charakter des Rohlfsschen Schaffens, das oft von den Werken und Techniken anderer Künstler angeregt wurde. Rohlfs malte nach 1880 Landschaft, entdeckte dann die impressionistische Malerei, setzte sich nach der Jahrtausendwende in seinen Aquarellen mit dem Jugendstil auseinander, fertigte – im Zuge des Expressionismus – Holzschnittdrucke und fand noch im Alter von 78 Jahren zu einer wiederum neuen Schaffensphase, als er nach einer Lungenentzündung von 1927 nach Ascona am Lago Maggiore ging, wo ihn Licht und Atmosphäre des Südens nachhaltig beeinflussten.

Gerade die große Bandbreite an Techniken und Ausdrucksformen sowie die große Material- und Themenvielfalt gelten als wesentliche Merkmale des Gesamtwerks. Mit seiner stets lebendigen Neugierde und Probierlust schuf Christian Rohlfs ein großes und vielfältiges Werk, das auf den ersten Blick nicht so leicht zu vermarkten sein mag, wie gewisse, Kalender füllende Sonnenblumen, Seerosen und Schreie. Umso lohnenswerter ist ein zweiter oder schlicht ein aufmerksamer erster Blick, mit dem das lebendig eigene Rohlfssche wahrgenommen wird. Dabei erschließt dann beispielsweise im Wechsel von Nah- und Fernbetrachtung das wundersam gelungene gewisser Techniken, wie etwa das Durchscheinen lassen der Malfläche oder das Auskratzen der Farbe mit dem Pinselende. Insbesondere sei auf das in Kiel zu sehende „Berghaus im Tessin“ von 1936 verwiesen.

Der ganze Rohlfs

Bereits 2006 zeigte die Kunsthalle zu Kiel mit der Ausstellung „Christian Rohlfs. Die Begegnung mit der Moderne“ den Künstler in Gemeinschau mit bekannten Namen seiner Zeit, wie Nolde, Monet, Kandinsky, van Gogh, Munch und anderen. Im Jahr darauf schenkte Paul Vogt – der Neffe der Ehefrau des Künstlers, Helene Rohlfs, und langjährige Direktor des Museum Folkwang in Essen – der Kunsthalle ein großes Konvolut an Graphiken. Damit wurde es jetzt möglich, anlässlich des 75. Todestages von Christian Rohlfs in einer Ausstellung mit über 300 Werken den ganzen Rohlfs zu zeigen mit 24 Gemälden, 56 Aquarellen, 4 Pastellen und 30 Druckgraphiken, 36 Skizzenbücher und 156 Zeichnungen. Die Ausstellung ist nach Techniken und Motiven in chronologischer Reihung gegliedert. Der ganze Rohlfs, das ist zugleich ein Gang durch die Entwicklung der Moderne, allein anhand von Rohlfs.


Die Ausstellung „Überwältigend kühn Der ganze Rohlfs in Kiel“
10. November 2012 – 17. Februar 2013
Führungen: Mittwochs 18:00 Uhr / Sonntags 11:30 und 16:00 Uhr
Sonderführungen sind nach Vereinbarung möglich.
Eintritt:
€ 7,00 inkl. Sammlung
€ 4,00 ermäßigt und für Gruppen ab 10 Personen
€ 12,00 Familienkarte
€ 1,00 Führung

Der Bestandskatalog erscheint in Kürze
Herausgeber: Annette Weisner, Peter Thurmann, Anette Hüsch
Aufsätze von: Anette Hüsch, Peter Thurmann, Annette Weisner,
Jens Christian Jensen, Julia Schönfeld-Rau
Hirmer Verlag GmbH, München 2012, 608 Seiten, 2000 Abbildungen
ISBN 978-3-937208-37-4 (Museumsausgabe) 39,- Euro
ISBN 978-3-7774-5881-6 (Buchhandelsausgabe) 65,- Euro
 

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