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Citynews26.11.12 /// Interview mit dem Dirigenten Peter SommererSeite drucken drucken

„Wie steht mein Segel und woher kommt der Wind?“

„Wie steht mein Segel und woher kommt der Wind?“

Für das Landestheater Schleswig-Holstein hat Peter Sommerer als neuer Generalmusikdirektor die Segel gehisst. Im Interview mit KIELerLEBEN erzählt er von seiner Leidenschaft für den Wassersport, der Idee, Jugendliche aus dem Kinosessel in den Konzertsaal zu locken und dem Plan, die kommende Oper „La Bohème“ auf keinen Fall in die Tiefgarage zu verlegen.

Das Interview führte Bianca Thedens

KIELerLEBEN: Diese Spielzeit ist für Sie die erste als Generalmusikdirektor am Landestheater. Wie fühlt sich das an?

Peter Sommerer: Gut fühlt es sich an. Nachdem ich die letzten zwei Jahre als Stellvertreter schon sehr viele Aufgaben in dieser Richtung übernommen hatte, war der Positionsschock nicht so groß. Ich habe natürlich Respekt vor dem Amt, weil es in erster Linie viel Verantwortung bedeutet für die Kolleginnen und Kollegen, die mir anvertraut sind. Das Schöne ist, dass ich jetzt die Konzertprogramme zusammenstelle, mir künstlerische Gedanken machen kann und auf diese Weise immer nah an die Kunst herankomme.

Womit ziehen Sie besonders jüngere Menschen in die Konzerte?

Ich habe ein Programm ins Leben gerufen, welches Jugendlichen den Zugang zu den Konzerten erleichtert. Früher mussten die Lehrer Listen ausfüllen, in Vorleistung gehen, schließlich für 500 Euro Karten kaufen. Nun können die Schüler selbst mit ihrem Schülerausweis an den Konzertkassen für vier Euro völlig unbürokratisch eine Karte bekommen. Das wurde bei den ersten beiden Konzerten bereits gut angenommen, sodass momentan auch jüngere Gesichter auftauchen. Viele Jugendliche zwischen 14 bis 15 Jahren finden es wenig cool, wenn sie zu einer Veranstaltung getrieben werden, die extra für sie zurechtgeschnitten wird, da ist es doch besser, gleich das richtige Sinfoniekonzert mitzunehmen. So lernen Schüler etwas kennen, auf das sie sich in ihrem Leben immer wieder zurückbesinnen können.

Was haben Sie sich noch auf die Fahne geschrieben?

Eine wichtige Sache in der letzten Spielzeit war die Kooperation mit Deutschlandradio Kultur, die Boris Blachers Ballettoper „Preußische Märchen“ aufgenommen und ausgestrahlt hat. Für den Sommer 2013 haben wir die Übertragung von Jules Massenets „Don Quichotte“ geplant. Außerdem sind wir neuerdings Kooperationspartner mit dem international führenden ARD-Musikwettbewerb. Der Gewinner des Publikumspreises 2012 im Fach Klarinette Stojan Krkuleski wird als Solist im 3. Sinfoniekonzert zu hören sein. Darüber hinaus wollen wir die Zusammenarbeit mit unseren dänischen Nachbarn intensivieren. 

Gab es eine Initialzündung für Ihre Laufbahn als Dirigent?

Es gab da kein besonderes Erlebnis. Meine Eltern haben beide Gesang studiert und sehr viele Konzerte gesungen, bei denen ich immer mit dabei war. Ursprünglich komme ich von der Geige und habe das auch studiert. Ich wusste relativ bald, dass ich das gern machen möchte. Aber zwischen dem Wunsch und dem Berufsziel liegt schon noch ein bisschen Wegstrecke, neben dem Dirigierstudium auch viele Erfahrungskilometer als Assistent.

Kommen mehrere Musiker aus Ihrer Familie?

Allerdings. Mein Bruder ist Jazz-Gitarrist, Komponist, Producer und schreibt Songs für den Popbereich. Heutzutage wird alles per Mail in die USA oder nach Australien geschickt, das geht ja ruckzuck. Meine Schwester hat Jazz-Gesang studiert und arbeitet als Sängerin.

Haben Sie sich auch mal als Komponist versucht?

Klar, für gewisse Anlässe habe ich schon ein Stück geschrieben. Wahrscheinlich müsste ich ein ganzes Jahr lang aufs Dirigieren verzichten, um herauszufinden, was ich ausdrücken möchte. Als reproduzierender Künstler das Eigene zu finden, stellt eine ganz andere Herausforderung dar. Das Komponieren ist einfach nicht mein Herzenswunsch.

Aber Puccinis Oper „La Bohème“ wird doch sicher zur Herzensangelegenheit? Was ist das Reizvolle?

Das Stück besitzt eine unglaubliche Dichte an Emotionalität, der man sich nicht entziehen kann. Bei „La Bohème“ wurde sehr genau auskomponiert, was Mimí und Rodolfo fühlen und tun. Alles geschieht auf musikalisch sehr dichtem und engem Raum. Natürlich begleitet das Orchester die Sänger, aber es gibt auch Stellen, wo ganz alltägliche, banale Dinge auf der Bühne erzählt werden, während das Orchester die eigentlichen Emotionen mitliefert.

Am Kieler Opernhaus gab es vor zwei Jahren bereits eine Inszenierung von „La Bohème“ mit einem zauberhaften Café Momus, dem Kinderchor und Schneeflocken.

Das wird es auch bei uns alles geben. Seit der Uraufführung 1896 wird das Stück ununterbrochen gespielt und zählt zu den beliebtesten Opern überhaupt. Die Geschichte gibt so vieles vor, aber ich darf schon mal verraten, die Oper spielt auf keinen Fall in der Tiefgarage.

Können Sie sich vorstellen, eine Open-Air-Oper in Flensburg ähnlich wie die Tosca in Kiel auf die Beine zu stellen?

Für den Opernbereich planen wir das nicht. In der letzten Spielzeit haben wir mit dem „Sommernachtskonzert“ bereits ein Open-Air-Konzert unter anderem mit Songs von Lady Gaga und Christina Aguilera gespielt, das wir wegen des Wetters aber nach drinnen verlegen mussten. Da hatten wir sogar eine eigene Popband. Das wollen wir im nächsten Sommer noch mal ganz groß aufziehen.

Wodurch zeichnet sich Ihr Dirigierstil aus?

Ich versuche beim Dirigieren authentisch zu bleiben. Es geht nicht darum, was das Publikum sehen will oder welche Gesten ich machen muss, damit es gut aussieht. Als Diener der Musik möchte ich der Idee des Komponisten möglichst nah kommen. Zusammen mit den Musikern etwas herzustellen, das nicht in den Noten steht, dabei eine gewisse Spannung zu erzeugen, das berührt das Publikum.

Wie lebt es sich denn als Österreicher zwischen den zwei Meeren?

Sehr gut. Das Leben am Wasser hat seine ganz eigene Faszination. Ich habe letzten Sommer das Segeln für mich entdeckt. Und bin mittlerweile auch schon bei meiner ersten Regatta mitgesegelt. Mir macht es großen Spaß, leider fehlt mir oft die Zeit, aber ich möchte das auf alle Fälle intensivieren. Das Tolle beim Segeln ist einfach, egal wie stressig etwas vorher war, es gibt nur zwei Fragen von entscheidender Bedeutung: Wie steht mein Segel und woher kommt der Wind?

 

La Bohème – Aufführungen im Theater Flensburg:

04.12. 19:30, 18.12. 19:30, 21.12. 19:30, 28.12. 19:30

Aufführung im Theater Rendsburg:

08.12. 19:30

 

3. Sinfoniekonzert

11.12. 19:30 A.P. Møller Skolen Schleswig

12.12. 19:30 Deutsches Haus Flensburg

13.12. 20:00 NordseeCongressCentrum Husum

14.12. 19:30 Theater Rendsburg

20.12. 20:00 Stadttheater Heide

Weitere Termine unter www.sh-landestheater.de

 

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