KielerKöpfeIm Interview: Almuth Schmidt
Am 9. Januar erhält Almuth Schmidt als drittes aktives Mitglied des Kieler Schauspielensembles den Titel „Kammerschauspielerin der Landeshauptstadt Kiel“. KIELerLEBEN traf die 66-Jährige und sprach mit ihr über die Auszeichnung, das Alter und die Liebe.
KIELerLEBEN: Frau Schmidt, haben Sie mit dem Ehrentitel „Kammerschauspielerin“ gerechnet?
Nein, überhaupt nicht. Ich wusste gar nicht, was das ist. Von Daniel Karasek (Generalintendant, Anm. d. Red.) und meinem Schauspielkollegen Siegfried Kristen habe ich dann aber erfahren, dass es eine Auszeichnung für hervorragende Schauspieler ist und Cathy Kietzer (Stadtpräsidentin, Anm. d. Red.) mich dafür vorgeschlagen hat.
Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?
Es ist mir eine unerwartete Ehre.
Wollten Sie schon immer Schauspielerin werden?
Als Kind wollte ich Tierärztin werden. Aber da hätte ich mich in der Schule ein bisschen mehr anstrengen müssen. Ich habe nur mit Ach und Krach meine Mittlere Reife geschafft und habe danach eine Ausbildung zur Arzthelferin gemacht. Als ich 25 war, hat meine Mutter mich dazu ermuntert, die Schauspielschule zu besuchen. Ich wäre beinahe durchgefallen. Mein Engagement in Freiburg war dann mein Karrieresprungbrett.
Sie haben früher in den unterschiedlichsten Theatern in ganz Deutschland gespielt. Seit 1981 sind Sie am Kieler Schauspielhaus. Warum sind Sie in Kiel sesshaft geworden?
Weil ich hier wunderbar wohne und meine Vermieter einfach zauberhaft sind. Ich wohne auf dem Land, 25 Kilometer vor den Toren Kiels, und kriege täglich frische Eier. Ich fühle mich hier einfach wohl, liebe das Meer und vor allem den Wind. Außerdem haben mir die Rollen am Kieler Schauspielhaus gefallen.
Welche Rollen haben Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Hauptmann „Pfundtmayer“ in „Des Teufels General“. Ich wollte unbedingt diesen dicken bayrischen Nazi spielen. Der war so fürchterlich. Ich spiele gern die Bösewichte. Spaß macht mir nach wie vor auch „Linie 1“. Seit der ersten Aufführung vor zehn Jahren habe ich fast alle weiblichen Hauptrollen gespielt und war bei ungefähr 200 Vorstellungen dabei. Sehr gern gespielt habe ich außerdem den Erbförster Kuno in „The Black Rider“, den Struwwelpeter, die unheimliche Krankenschwester in „Blutsbrüder“, die Winnie in „Glückliche Tage“ oder Madame Pernelle in „Der Tartuffe“.
Gibt es eine Traumrolle, die Sie gerne noch spielen würden?
König Lear. Es würde mir gut gefallen, einen alten Mann zu spielen, der jeden Bezug zur Realität verloren hat. Ich kann die Realität auch nur schwer einschätzen. Zum Beispiel kann ich einfach nicht begreifen, dass ich eine alte Frau mit weißen Haaren bin.
Wie alt fühlen Sie sich denn?
Ich fühle mich wie 20 – wenn ich nicht gerade in den Spiegel gucke oder Fotos von mir sehe.
Sind Sie durch Ihr Alter auf bestimmte Rollen festgelegt?
Leider ja, wobei die Maske viel ausmacht. Es ist in dem Alter sowieso schwer, eine gute Rolle zu kriegen. Man muss nehmen, was kommt.
Haben Sie schon mal ans Aufhören gedacht?
Nein. Ich möchte das ausreizen. Es muss mich schon jemand rausschmeißen (lacht) …
Rückblickend auf Ihre Karriere: Haben Sie Ihre Ziele erreicht?
Ich hatte kein bestimmtes Ziel vor Augen. Ich habe mich einfach treiben lassen und war nie erpicht darauf, groß rauszukommen. Die Liebe stand für mich immer im Vordergrund. Da, wo ich verliebt war, bin ich geblieben.
Ist es einfacher, wenn man als Schauspielerin mit einem Schauspieler liiert ist?
Ich war zweimal mit einem Schauspieler liiert, einmal sogar verheiratet, und ich finde es nicht einfach. Es ist auf Dauer langweilig, wenn man Beruf und Privates miteinander teilt. Jeder Mensch braucht seine eigene Lebensaufgabe. Es gibt aber auch Paare, bei denen es funktioniert, siehe Senta Berger und Michael Verhoeven.
Zurück zum Theater Kiel: Welcher Nachwuchsschauspieler hat Ihrer Meinung nach das größte Potential?
Meine Meinung dazu ändert sich von Tag zu Tag. Aber ich verrate Ihnen, dass das Stück „Die 39 Stufen“ insgesamt super ist. Die jungen Schauspieler sind alle toll, und die Nachwuchsregisseurin Neele Müller hat das einfach zauberhaft gemacht. Ich habe mich in Kiel noch nie so wunderbar amüsiert.
Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Schauspiel zu lehren?
Das ist mir ein paar Mal angetragen worden, aber ich habe es immer abgelehnt, weil ich mich dazu außerstande sehe. Ich weiß zu wenig, um es zu vermitteln. Außerdem wird meiner Meinung nach zu viel Druck auf junge Menschen ausgeübt. Mit einer strengen Lehrerin könnte ich mich nicht identifizieren. Das Tempo und die Lautstärke in der heutigen Zeit machen mir zu schaffen. Bei den Premierenfeiern ist es immer dermaßen voll und laut, dass man sich kaum unterhalten kann – das halte ich nicht lange aus.
Was machen Sie als Ausgleich zur Schauspielerei?
Meine Passion ist die Natur, von der man sehr viel lernen kann. Von Tieren gucke ich mir eine Menge ab, sogar von Insekten.
Und was?
Was man tun muss, um Aufmerksamkeit zu erregen. Darum geht es ja in der Schauspielerei. Mein Ziel ist, dass die Zuschauer mich wahrnehmen und begreifen, was ich ihnen sagen will. Sonst ist es vergeudete Zeit. Es gibt ein Gedicht von Brecht, das heißt „Vergnügungen“. Darin reiht er verschiedene Dinge auf: „Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen“, „Das wiedergefundene alte Buch“ oder „Bequeme Schuhe“. Unter anderem gehört auch „Begreifen“ dazu. Eine wunderbare Vergnügung, wie ich finde. Ich sitze leider oft im Theater und verstehe nicht, was mir das Stück sagen will. Ich möchte, dass die Menschen verstehen, was sie sehen.
Das Interview führte Kerstin Klostermann

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Über den Autor
Kerstin Klostermann;Eckernförder Deern, Kiel-verliebt, Kunsthistorikerin, falkemedian, Kino-Anhängerin, Castingshow-Verfechterin, Campus-Suite-Fan, Theatergängerin, InTouch-Leserin, Vapiano-Stammgast, Kultur-interessiert, Yogi, Hörbuchrezensentin, Fernseh-Kind, Musik-vernarrt.











Kammerschauspielerin Almuth Schmidt
Ich habe Almuth Schmidt vor 29 Jahren in Kiel kennengelernt. Herzlichen Glückwunsch zum Ehrentitel und alle guten Wünsche aus Hamburg.
Olaf Rausch
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg
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