KielerKöpfeMaximilian Lohse: 1. Konzertmeister
"Ein Stückl Heimat hab' ich mit dabei …"
Die Partituren hat er noch unterm Arm, als Maximilian Lohse (29) die Theater-Lounge der Kieler Oper betritt. Kein Wunder – gibt es doch wahnsinnig viel zu tun für Kiels neuen Ersten Konzertmeister: Am Wochenende startete mit der Premiere von Verdis "Aida" die neue Spielzeit. Vorab hat sich der gebürtige Dresdener mit KIELerLEBEN-Online-Redakteurin Franziska Falkenberg zu einem Gespräch getroffen.
KIELerLEBEN.de: Herr Lohse, was sind Ihre Aufgaben als erster Konzertmeister des Kieler Orchesters?
Maximilian Lohse: Zum einen ist der Konzertmeister der Stimmführer der ersten Violinen und somit verantwortlich für die Einsätze seiner Gruppe und die Einrichtung des Notenmaterials. Da er alle vorkommenden Geigensoli zu spielen hat, ist er der Geiger, an den die höchsten Anforderungen gestellt werden. Zum anderen muss er nicht nur die Gruppe anführen, sondern hat auch die Verantwortung für das Zusammenspiel des ganzen Orchesters. Außerdem ist er während der Proben das Kommunikationsbindeglied zwischen Dirigent und Orchester.
Wie schwierig ist es als Neuling, sich in der Position des ersten Konzertmeisters zu behaupten?
Ich bin ja auf dem Posten kein Neuling, sondern spiele seit über 10 Jahren als Konzertmeister in Jugend- und Kammerorchestern. Natürlich muss man schon ein gewisses dickes Fell haben, aber das ist eine Persönlichkeitsfrage, schließlich gibt es immer jemanden, der es anders machen möchte.
Wie sieht Ihr typischer Alltag aus? Haben Sie überhaupt so etwas wie einen Alltag?
Ein typischer Alltag – das ist schwierig. Eigentlich gibt es keinen normalen Tag. Es gibt auch in dem Sinne kein Wochenende, denn gerade da und an Feiertagen haben Musiker am meisten zu tun. Ich stehe gegen 8 Uhr auf und spiele mich ab 9 Uhr ein – wie ein Sportler, der sich aufwärmt. Um 10Uhr fängt meist die erste Probe an. Manchmal haben wir zwei Proben am Tag, manchmal eine, manchmal abends ein Konzert. Zwischendurch muss ich Noten für die nächsten Projekte einrichten oder üben. Meine Freizeit beginnt ab 22Uhr, deshalb bin ich vor ein Uhr morgens selten im Bett.
Wieviele Stunden am Tag haben Sie das Instrument in der Hand?
Mit Üben und Dienst eingerechnet zwischen 5 und 8 Stunden.
Sind Sie vor Konzerten noch aufgeregt?
Natürlich.
Und wie äußert sich das bei Ihnen?
Bei mir ist die letzte halbe Stunde vor dem Konzert kritisch. Ich werde dann ein bisschen zittrig – bei Geigern kann das bekanntermaßen problematisch sein. Es ist natürlich auch ein Unterschied, ob man solistisch oder mit dem Orchester auftritt. Bei Orchesterkonzerten bin ich mittlerweile nicht mehr so aufgeregt.
Spielen Sie dann lieber solo oder im Orchester?
Im Orchester – eindeutig! Aus dem Orchester heraus spiele ich jedoch gerne Soli. Ich bin da ein Herdentier und brauche einfach so viele Leute wie möglich auf der Bühne um mich herum.
Wie sind Sie nach Kiel gekommen? Bewirbt man sich auf so eine Stelle? Wird man angesprochen?
In meinem Fall war es so, dass Georg Fritzsch [Generalmusikdirektor der Landeshauptstadt Kiel] meinen Professor, den Konzertmeister der Staatskapelle Dresden, angesprochen hat, ob er ihm jemanden empfehlen könnte, da er gerade auf der Suche nach einem Konzertmeister war. Im Oktober letzten Jahres bin ich dann nach Kiel gekommen und habe kurzfristig ein Projekt als Konzertmeister übernommen. Die Resonanz im Orchester war danach so positiv, dass ich zum Probespiel eingeladen wurde.
Ein Probespiel?
Genau. Ein Probespiel ist wie ein Wettbewerb mit drei Runden, bei dem nach jeder Runde das Teilnehmerfeld kleiner wird. Denn nur diejenigen werden weitergelassen, die das Orchester überzeugen können.
Also entscheidet das Orchester?
Genau.
Und dann wird abgestimmt oder wie muss man sich das vorstellen?
Ja. Das ist eigentlich der einzige Berufszweig, den ich kenne, bei dem die Kollegen darüber bestimmen, wer angestellt wird. Denn die Orchestermitglieder können die Arbeit des Kandidaten natürlich viel besser einschätzen als eine Personalabteilung und sie sind es ja auch, die mit dem Kollegen dann arbeiten müssen.
Haben Sie sich hier in Kiel schon ein wenig einleben können?
Ein bisschen. Ich bin erst Anfang hierher gezogen und seither viel unterwegs gewesen. Aber es wird so langsam. In meiner Wohnung fühle ich mich sehr wohl, meine Verlobte ist gleich mitgezogen – ein Stückl Heimat habe ich also mit dabei.
Wie kommen Sie mit der norddeutschen Mentalität klar?
Bis jetzt habe ich die norddeutsche Mentalität, wie ich sie mir vorgestellt habe, noch nicht erlebt.
Wie haben Sie sich die denn vorgestellt?
Naja, diese nordische Kälte eben: auf den ersten Blick etwas abschätzend, wenn man die Menschen dann kennenlernt aber umso herzlicher. Aber die Leute, mit denen ich zu tun hatte, waren von vornherein herzlich und sind freundlich auf mich zugekommen. Ein guter erster Eindruck ... (lacht)
Wie sind Sie zur Geige gekommen?
Mein Vater ist Solotrompeter in Dresden und meine Mutter Geigenlehrerin. Ich komme also aus einer sehr musikalischen Familie. Ich habe auch noch einen jüngeren Bruder ...
Und der spielt was?
(lacht) Der spielt Trompete – das haben wir gut aufgeteilt. Ich habe auch mit Trompete angefangen, dann aber irgendwann festgestellt, dass ich lieber Geige spiele.
Wann haben Sie mit der Geige angefangen?
Relativ spät. Mit sieben Jahren. Ich wurde erst ein Jahr von meiner Mutter unterrichtet, danach an der Landesmusikschule in Dresden. Mit 14 Jahren kam ich dann auf die Spezialschule für Musik – das war dann auch das einschneidende Erlebnis, bei der Geige zu bleiben. Dieses Erlebnis – Mitschüler, die alle Musik machen und das nicht als etwas Exotisches betrachten und eben nicht den ganzen Tag draußen Fußball spielen – das war ein unglaublicher Schub.
Hatten Sie mal eine Phase, in der Sie keine Lust mehr hatten?
Davon hatte ich mindestens sieben oder acht. Aber man denkt sich jedes Mal, dass es schade wäre um alles, was man investiert hat. Irgendwann war ich mir hundertprozentig sicher: das will ich als Beruf machen. Das war so etwa mit 18.
Was für Musik hören Sie privat?
Mittlerweile höre ich privat eher selten Klassik. Querbeet – von elektronischer Musik über amerikanischen HipHop, R’n’B, eigentlich alles. Ich bin ein großer Queen-Fan, höre gern die Beatles oder die Red Hot Chili Peppers.
Was halten Sie von David Garrett? Von der Umsetzung von Pop-Musik auf klassischen Instrumenten?
Schwieriges Thema. Einerseits hat man natürlich das Gefühl, dass das, was Klassik ausmacht, mit dem Versuch verfälscht wird, dieses auf Popmaßstäbe zu übertragen. Andererseits – Garrett spielt ja nicht nur Pop. Er steht in großen Hallen vor Tausenden von Leuten und spielt auch klassische Stücke. Und wenn man die Gelegenheit hat, Klassik den jungen Leuten dadurch näher zu bringen und ihnen die Berührungsängste zu nehmen – dann kann ich so etwas nur gutheißen.
Wer ist Ihr musikalisches Vorbild?
Das ist schwer zu beantworten. Es gibt natürlich viele Geiger, die ich bewundere. Mein aktueller Favorit ist Frank-Peter Zimmermann, sowohl menschlich, als auch künstlerisch.
Und Ihre Lieblingskomponisten?
Im Moment gerade sehr die Romantiker – Strauss, Wagner. Ansonsten russische Moderne – zum Beispiel Stravinsky. Aber auch Barockmusik – Vivaldi, Händel. Ich möchte da nichts ausschließen. Ich spiele auch gerne Mozart oder Beethoven.
Sind Sie mit der Stelle als erster Konzertmeister jetzt am Ziel Ihrer Träume angekommen? Oder möchten Sie vielleicht sogar irgendwann einmal dirigieren?
(lacht) Georg Fritzsch kann beruhigt sein – da habe ich keine Ambitionen. Konzertmeister war mein Ziel. Es war das, was mich motiviert hat, während ich im Studium im neonlichtbeleuchteten Keller gestanden und geübt habe. Momentan bin ich wunschlos glücklich.
Wer Maximilian Lohse musikalisch wie auch persönlich näher kennenlernen möchte hat am Sonntag, den 11. Oktober, die Gelegenheit dazu. Im Gespräch mit Selke Harten-Strehk wird sich der neue Konzertmeister dem Kieler Publikum vorstellen und zusammen mit Bettina Born (Klavier) Werke von Beethoven, Paganini, Massenet sowie Walzerfolgen aus dem Rosenkavalier von Richard Strauss spielen. Sonntag, 11. Oktober 2009, 11 Uhr, 1. Foyer Oper












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