- Peer*Gynt, Ensemblebild (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
Im Kieler Schauspielhaus führen die Trolle das Regiment. Sie hausen in einer Bühnenwelt wie aus einem verwunschenen Bilderbuch, zerpflücken Ibsens Verse, drehen und wenden sie, lachen darüber – und spielen einander die Geschichte jenes Burschen vor, der vor allem flieht, am gründlichsten vor sich selbst.
Anna-Elisabeth Fricks „Peer*Gynt“ ist kein Abend für Freunde der braven Nacherzählung. Es ist ein Spiel, ein Fest der Verwandlung und offenbar ein großer Spaß für das Ensemble, das sich mit Haut und Haar in diesen Kosmos stürzt.
Der Schlüssel steckt im Sternchen des Titels: Sechs Schauspieler:innen teilen sich die Titelrolle, und jeder dieser Peers ist ein anderer Entwurf vom eigenen Ich. Am weitesten hinaus will Tiffany Köberich. Ihr Peer träumt sich zum „Kaiser von Engeland“ empor, ein Größenwahn mit dem heiligen Ernst eines Kindes, so rührend wie komisch. Jennifer Böhm erzählt ihren Peer vor allem mit dem Körper, slapstickfreudig und tänzerisch und wenn auf der Bühne die Namen Michael Jackson und Pina Bausch fallen, nimmt man ihr beide Vorbilder lächelnd ab. Ellen Dorn und Yvonne Ruprecht nehmen sich zwei Spielarten der Selbstüberhöhung vor: Die eine adelt Peer kurzerhand per Namenszusatz, die andere führt Männlichkeit als Pose vor, mit sichtlichem Vergnügen am Durchschaubaren.
Tristan Taubert gibt den Peer mit dem bodenständigsten Beruf, einen veganen Zimmermann. Ihm gehören zusätzlich die Solveig-Momente: Unter einer überdimensionalen roten Schleife verlangt er Platz für die Frau, die bei Ibsen jahrzehntelang wartend nur eine Randfigur ist. Das passt zu einer Inszenierung, die Solveig ohnehin mehr Gewicht gibt als das Original. Imanuel Humm glänzt vor allem als Peers Mutter Aase – mit Alpenakzent. Christian Kämpfer schließlich ist Jon Gynt, der Vater, der den ganzen Abend am Bühnenrand bleibt – ein Schatten, dem der Sohn nie näher kommt. Zugleich sorgt Kämpfer, das soll nicht unterschlagen werden, für die Klangkulisse des Abends.
Wer Ibsen kennt, denkt unwillkürlich an jene Szene gegen Ende, in der der alte Peer eine Zwiebel schält, Schicht um Schicht, und keinen Kern findet. Fricks sechs Peers wirken wie diese Schalen – und die Frage nach der Mitte bleibt offen. Martha Pinskers Bühne gleicht einem Märchenbuch, dessen Seiten jemand durcheinandergeworfen hat: Bekanntes aus Ibsens Welt taucht auf, nur eben an unerwarteter Stelle. Mariam Haas hat die Trolle in fantastische Kostüme gesteckt, halb Kinderzimmer, halb Kunstinstallation – Wesen, bei denen man nie genau weiß, was man da eigentlich vor sich hat. Ted Stoffers Choreografie hält das Ganze in Bewegung.
Das hat seinen Preis. Frick will Peer nicht psychologisch ausleuchten, sondern ihn vorführen, zerlegen, durchspielen. Wer den klassischen Bogen von den Bergen über Marokko bis zum Knopfgießer erwartet, bekommt Bruchstücke und Collage. Ohne Kenntnis der Vorlage verliert man stellenweise den Faden. Nicht jedem im Saal war diese Lesart geheuer, manchem offenbar schlicht zu kunstsinnig. Der Großteil des Publikums aber ließ sich verzaubern und dankte mit lang anhaltendem Applaus.
Ein mutiger, bildmächtiger und hochkomischer Ibsen, getragen von einem Ensemble in Spiellaune. Wer offen ist für Theater, das lieber fragt als erklärt, erlebt hier sicherlich einen der fantasievollsten Abende der Saison. Wer zuvor kurz Ibsens Handlung auffrischt, hat noch mehr davon.
„Peer*Gynt“ nach Henrik Ibsen läuft im Schauspielhaus Kiel noch an zahlreichen Terminen bis weit ins neue Jahr hinein. Tickets gibt es unter theater-kiel.de, telefonisch via 0431 – 901 901 sowie an den Vorverkaufsstellen des Theaters.