- Lasse Wagner mit einem Foto von Rukeli. (Bild: Olaf Struck, Theater Kiel)
Im Jungen Theater im Werftpark erzählt Lasse Wagner in Rike Reinigers Monolog „Mit gefesselten Fäusten“ die Geschichte des Sinto-Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann – mit großer Wucht, die lange nachhallt.
Heute, hat Hans sich vorgenommen, heute vergesse ich. Heute will er nicht mehr daran denken, wie er Rukeli kennengelernt hat. Es wird ihm auch an diesem Abend nicht gelingen – und dem Publikum auf der Hinterbühne des Theaters im Werftpark ebenso wenig. Wer am 7. November bei der Premiere von „Mit gefesselten Fäusten“ dabei war, trägt diese Geschichte noch lange mit sich herum.
Rike Reinigers vielgespielter und ausgezeichneter Monolog, folgt einer wahren Biografie. Johann Wilhelm Trollmann, den die Sinti „Rukeli“ nannten, war Anfang der Dreißigerjahre einer der aufregendsten Boxer des Landes: schnell, beweglich, ein Publikumsliebling. Im Juni 1933 boxte er sich zur deutschen Meisterschaft im Halbschwergewicht. Wenige Tage später erkannte ihm der inzwischen nationalsozialistisch geführte Verband den Titel wieder ab – ein „Zigeuner“ durfte nicht erfolgreicher sein als seine „arischen“ Gegner. Zum nächsten Kampf trat Trollmann mit blond gefärbten Haaren und mehlweiß geschminktem Gesicht an, eine bittere Karikatur dessen, was man von ihm verlangte. Danach folgten der Entzug der Boxlizenz, Zwangssterilisation, Verhaftung und schließlich das KZ Neuengamme bei Hamburg. Vermutlich 1944 wurde Trollmann im Außenlager Wittenberge ermordet. Erst 2003 erkannte ihm der Boxverband den Meistertitel offiziell wieder zu.
Reiniger erzählt all das nicht aus der Sicht des Helden, sondern durch die Augen einer erfundenen Figur: Hans, dem Rukeli als Kind einen Apfel schenkt, der den Aufstieg des Freundes miterlebt und ihm Jahre später im Arbeitslager wiederbegegnet. Ihre Freundschaft halten die beiden geheim. Gerade dieser Blickwinkel macht das Stück so unbequem: Hier spricht keiner, der gekämpft hat, sondern einer, der zugesehen hat. Und der mit diesen Bildern nicht fertig wird.
Lasse Wagner trägt diesen Abend ganz allein, und er tut es mit einer Intensität, die kaum Raum zum Durchatmen lässt. Er spielt mit vollem Körpereinsatz, als ginge es auch für ihn um jede Runde. Und er bleibt nicht auf der Bühne: Immer wieder wirbelt er durch die Zuschauerreihen und kommt den Menschen nah. Wer dort sitzt, kann sich nicht in die bequeme Rolle des Beobachters zurückziehen, sondern wird eingebunden. So wird „Mit gefesselten Fäusten“ nicht nur über den Inhalt zu einer Erfahrung, die man körperlich spürt.
Regisseurin Franziska-Theresa Schütz, die gemeinsam mit Dramaturgin Alex Gesch seit dieser Spielzeit das Junge Theater im Werftpark leitet, setzt konsequent auf Nähe statt auf Effekte. Die Bühne ist extrem karg: ein Stuhl, ein Tisch, eine Schultafel. Mehr gibt es nicht – und mehr braucht es auch nicht. Gerade in dieser Leere entfalten Wagners Spiel und Reinigers Text ihre ganze Kraft. Die Schultafel schlägt zugleich eine Brücke zu den Klassenzimmern, in die das Stück als mobile Produktion ebenfalls kommt: Diese Inszenierung will gerade junge Menschen erreichen.
Am Ende sind viele Zuschauer:innen sichtlich gerührt, und auch Lasse Wagner steht beim Schlussapplaus nach einer tief beeindruckenden und denkwürdigen Performance ergriffen auf der Bühne. Der Beifall ist lang und schon nach kurzer Zeit steht das gesamte Publikum. Der Applaus gilt dabei, das ist zu spüren, nicht nur einer herausragenden schauspielerischen Leistung, sondern auch einem Menschen, dessen Geschichte jahrzehntelang verdrängt wurde.
Fazit: Ein emotionaler, intensiver Abend, der niemanden kalt lässt. Und einer, der einmal mehr deutlich macht, wie wichtig es ist, dass solche Geschichten erzählt werden. Hans will vergessen. Dieses Stück sorgt dafür, dass wir es nicht tun.
„Mit gefesselten Fäusten“ läuft noch bis weit ins nächste Jahr hinein im Theater im Werftpark. Karten gibt es, wie immer, unter theater-kiel.de, an den Vorverkaufsstellen des Theaters und telefonisch unter 0431 – 901 901