- Clara Fréjacques im Kulturspeicher vor einer Stoffbahn mit dem Rilke-Gedicht „Der Panther“. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
Mit einem Rilke-Liederabend im Kulturspeicher eröffnet die Oper Kiel ihre neue Reihe „Oper Surprise“ – und findet einen Ort, an dem Lieder ganz nah ans Herz rücken.
„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“, hat der junge Rainer Maria Rilke geschrieben. Die Menschen sprächen alles so deutlich aus, klagt er, dies heiße Hund und jenes Haus – und setzt dem eine Zeile entgegen, die man nicht mehr vergisst: „Die Dinge singen hör ich so gern.“ Dass ausgerechnet eine Bibliothek, ein Haus voller Wörter, zur Bühne für diesen Satz wird, hat eine feine Ironie.
Mit diesem musikalisch-szenischen Abend wagt sich die Oper Kiel für ihre neue Reihe „Oper Surprise“ aus dem Opernhaus hinaus an andere Orte der Stadt. Den Auftakt hat Operndirektorin Anja Kühnhold selbst eingerichtet, zum 100. Todestag Rilkes, der am 29. Dezember 1926 starb. Der Ort ist klug gewählt: Die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek wurde erst im September 2025 nach zwei Jahren Schließzeit im historischen Sartori & Berger-Speicher am Wasser neu eröffnet und versteht sich seither als „Dritter Ort“, als Raum zum Verweilen und Begegnen. An diesem Abend löst sie das Versprechen ein. Gespielt wird mitten im Lesesaal, zwischen deckenhohen Regalen voller alter Lederrücken, in deren Nischen Dichterbüsten wachen, unter den rohen Betonbalken des alten Speichers. Der Saal ist praktisch ausverkauft, die Atmosphäre ungemein gemütlich – eher Salon als Konzertsaal.
Drei Stimmen, ein Klavier
Getragen wird der Abend von drei Sängerinnen des Kieler Opernensembles: der Sopranistin Agnieszka Hauzer und den Mezzosopranistinnen Clara Fréjacques und Tatia Jibladze. Alle drei singen mit großer Ausdruckskraft und hörbarer Hingabe. Sie behandeln diese Lieder nicht als hübsche Miniaturen, sondern als kleine Dramen, in denen jedes Wort Gewicht bekommt. Sophie Fournier am Flügel steuert das Trio souverän durch die oft alles andere als leichten Passagen – und davon hält dieses Programm reichlich bereit, vom spätromantisch wuchernden Satz eines Alexander Zemlinsky bis zu den harmonisch schwebenden Klängen des jungen Alban Berg.
Die Bibliothek muss dafür kaum verwandelt werden, sie ist ihr eigenes Bühnenbild. Franka Werdin setzt nur wenige, aber kluge Akzente: Zwischen den Regalen hängen lange, von Hand beschriebene Stoffbahnen. „Bis wohin reicht mein Leben und wo beginnt die Nacht?“, fragt eine von ihnen. Zwischen gedruckten und geschriebenen Wörtern behaupten sich hier die gesungenen.
Auffällig: Auf der Bühne stehen ausschließlich Frauen, und auch dahinter geben sie den Ton an: Szenische Einrichtung (Anja Kühnhold), Ausstattung (Franka Werdin) und Dramaturgie (Waltraut Anna Lach) liegen in Frauenhand. Das Programm verlängert diese Linie bis ins 19. Jahrhundert: Mit Clara Schumann und Alma Mahler stehen zwei Komponistinnen auf dem Zettel, deren Schaffen lange im Schatten berühmter Männer stand. Frauenpower, wenn man so will – aber eine, die nicht auftrumpft, sondern schlicht überzeugt.
Wer einen reinen Rilke-Liederabend erwartet, wird überrascht – auch das passt zum Namen der Reihe. Nur ein Teil der gut zwanzig Nummern vertont tatsächlich Verse des Dichters. Daneben: Lieder von der Romantik bis zur Wiener Moderne, die von dem erzählen, was Rilke umtrieb – Liebe, Sehnsucht, Erinnerung, Tod. Gerahmt wird das Ganze von zwei Totengedenken. Am Anfang steht Arnold Schönbergs frühes Lied „Gedenken“, in dem jemand bei brennender Lampe allein vor einem Bild sitzt. Am Ende erklingt Richard Strauss’ „Allerseelen“, jenes große Wiedersehenslied über den einen Tag im Jahr, an dem die Toten frei sind. Dazwischen spannt sich ein Bogen von der ersten Verliebtheit bis zum Verlust.
Besonders schön ist, wie das Programm Lebensgeschichten miteinander verschränkt. Clara Schumanns „Liebst du um Schönheit“ vertont dasselbe Rückert-Gedicht, das Gustav Mahler sechzig Jahre später seiner Frau Alma als Liebeserklärung schrieb. Alma wiederum beschließt mit „In meines Vaters Garten“ die erste Hälfte.
Zwei Stücke ganz ohne Gesang setzen besondere Akzente: Mendelssohns „Lied ohne Worte“ E-Dur in der ersten und Brahms’ Intermezzo Es-Dur op. 117 Nr. 1 in der zweiten Hälfte. Hier gehört der Raum ganz Sophie Fournier. Vielleicht sind es gerade diese beiden Lieder ohne Worte, die Rilkes Titelzeile am wörtlichsten nehmen: Die Dinge singen, und kein Menschenwort stört sie dabei.
Fazit
Ein rundum gelungener Abend. Dass sich nach dem Philharmonischen Orchester mit seinen „PhilOut“-Formaten nun auch die Oper aus ihrem Haus hinauswagt, ist absolut zu begrüßen. Sie erschließt damit nicht nur neue Orte, sondern sicherlich auch neue Zielgruppen – Menschen, die den Weg ins Opernhaus bislang nicht gefunden haben. Man darf gespannt und voller Vorfreude auf die weiteren Abende dieser Reihe sein.