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Feiner Anschlag, forsches Orchester: Hayato Sumino und das Aurora Orchestra im Konzerthaus am Schloss

  • Hayato Sumino mit Orchester.
(Archivbild)
    Hayato Sumino mit Orchester. (Archivbild) (Bild: John Garve)
09/08/2026 0 0

Ein ausverkauftes Haus, ein Flügel, der noch allein auf der Bühne steht, und ein Publikum, das offensichtlich weiß, wen es da gleich zu sehen bekommt: Das Konzerthaus am Schloss hatte am Freitagabend jene besondere Spannung, die entsteht, wenn ein Name deutlich mehr Menschen etwas sagt, als das übliche Klassikpublikum groß ist. 

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Hayato Sumino, 1995 in Tokio geboren, Master-Absolvent der Ingenieurwissenschaften an der Universität Tokio und unter dem Namen „Cateen“ mit mehr als einer Million Abonnentinnen und Abonnenten auf YouTube zu Hause, ist einer der wenigen Pianisten, die ihr Publikum aus dem Netz in den Saal mitbringen. Und einer der wenigen, bei denen sich das musikalisch auch trägt.

Den Anfang machte allerdings das Aurora Orchestra allein, mit Leonard Bernsteins Ouvertüre zu „Candide“. Kein zufälliger Auftakt an diesem Ort. Bernstein hat das Schleswig-Holstein Musik Festival in seinen Anfangsjahren mitgeprägt wie kaum ein anderer: 1986 dirigierte er das Eröffnungskonzert der ersten Ausgabe, 1987 gründete er in Salzau die Orchesterakademie unter dem Motto „Let's make music as friends“, aus der bis heute das Schleswig-Holstein Festival Orchestra hervorgeht. „I don’t know  how to pronounce it, but I fell in love with Schleswig-Holstein“, hat er über das Land zwischen den Meeren gesagt. 

Seit 2002 vergibt das Festival den nach ihm benannten Leonard Bernstein Award — und der ging im Juli 2025 an ebenjenen Hayato Sumino. Der Abend begann also mit einer Verbeugung vor dem Namensgeber und schickte anschließend dessen jüngsten Preisträger ans Klavier. Ein hübsch geschlossener Kreis, und die „Candide“-Ouvertüre knallte mit scharfen Bläsereinsätzen und schnellen Tempi wie ein Startschuss in den Saal.

Dann kam Gershwins „Rhapsody in Blue“ — und mit ihr Suminos große Qualität. Der Pianist behandelt das Stück nicht als Vitrinenobjekt, sondern nimmt sich die Freiheiten, die Gershwin selbst bei der Uraufführung 1924 in Anspruch nahm, als Teile des Soloparts noch improvisiert waren. Sumino baut sich seine eigene Lesart zwischen der schlanken Jazzband-Ursprungsfassung und der großen Orchestrierung, und er tut das mit einem bemerkenswerten Gespür für den Moment: samtig zurückgenommene Passagen, dann wieder ein satter, geradezu körperlicher Groove. Sein Anschlag ist von einer Feinheit, die man bei einem Musiker mit Millionenreichweite nicht automatisch erwartet.

Genau hier lag aber auch das einzige echte Ärgernis des Abends. Das Aurora Orchestra spielte präzise, wach und mit hörbarer Lust am Akzent — und deckte Sumino in den Übergängen zwischen Klavier und Orchester mehrfach schlicht zu. Wo der Dialog entstehen sollte, gewann zu oft die Lautstärke. Schade um die feinen Zwischentöne, die dabei verloren gingen.

Vor der Pause folgte Ravels Boléro in Suminos eigener Fassung für Klavier und Orchester. Ursprünglich hatte er das Stück für zwei gleichzeitig gespielte Klaviere eingerichtet — ein Kunststück, das im Netz Millionen gesehen haben. Für Orchester und Solist wird daraus etwas anderes: eine zunehmend eigenwillige Fantasie, in der sich das Klavier mit verfremdeten Akkorden über Ravels berühmtes Crescendo legt. Wer die Farbstudie des Originals sucht, wird sie hier nur noch in Umrissen finden. Wer sich auf die Umdeutung einlässt, bekommt einen erstaunlich spannungsvollen Vortrag vor der Pause.

Nach der Pause dann das, was diesen Abend endgültig aus der Reihe hebt: Mahlers Sinfonie Nr. 1 D-Dur, „Titan“ — komplett auswendig und im Stehen gespielt. Nur Celli, Kontrabässe, Tuba und Pauken blieben sitzen, wo es anders schlicht nicht geht. Das ist kein Show-Effekt. Ein Orchester ohne Notenpulte schaut sich an, statt auf Papier zu blicken, und der Klang steht dadurch merklich freier im Raum. Die Präzision, mit der das gelingt, ist schlicht großartig.

Und doch setzte sich hier fort, was schon in der Rhapsody auffiel. Mahlers erster Satz lebt von einem sehr langsamen, tastenden Aufbau, von Naturlauten, die sich erst allmählich zu Musik verdichten. In Kiel waren die Instrumente zu früh zu präsent, die Entwicklung ging zu schnell. Das ist eine künstlerische Entscheidung, keine Fehlleistung — Nicholas Collon liest Mahlers Erstling erkennbar als Sturm-und-Drang-Dokument eines jungen Wilden, nicht als Naturidyll. Wer den ruhigen Anlauf mag, dürfte ihn vermisst haben. Ab dem stampfenden zweiten Satz, spätestens beim gebrochenen „Bruder Jakob“-Trauermarsch, geht die Rechnung dann restlos auf, und das Finale riss den Saal förmlich von den Stühlen.

Collon selbst steuerte den Abend mit einer Leichtigkeit und Spielfreude durch die Stile, die man selten so unangestrengt sieht. Vom rhythmischen Witz Bernsteins über Gershwins Groove bis zu Mahlers Ausbrüchen.

Unter dem Strich: ein fantastischer Abend, der vom Solisten getragen wurde und vom Orchester bisweilen etwas zu kräftig umarmt. Das Kieler Publikum sah das mit großer Mehrheit unkompliziert und feierte Sumino, Collon und das Aurora Orchestra mit langen stehenden Ovationen.

Text: Sebastian Schack mit Ilseken Roscher


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ÜBER DEN AUTOR

Sebastian Schack
Sebastian Schack

… ist geborener Kieler und war bei Falkemedia, dem Medienhaus hinter KIELerleben, mehr als zehn Jahre lang Chefredakteur der Mac Life, Europas größtem Apple-Magazin. In seiner Freizeit schreibt er aus alter Verbundenheit regelmäßig über Konzerte des Schleswig-Holstein Musik Festival oder Aufführungen am Theater Kiel vom Schauspiel über die Oper bis zum Orchester.


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