- Avi Avital, Alexander von Heißen, Łukasz Kuropaczewski, Ophira Zakai, Anneleen Lenaerts (v.l.n.r.) (Bild: Kielerleben)
Wann haben Sie zuletzt bewusst einer Mandoline zugehört? Wer darüber einen Moment nachdenken muss, ist in bester Gesellschaft. Nach diesem Abend aber will, nein, muss man sich eingehender mit ihr befassen.
Die Mandoline gehörte lange zu den großen Unterschätzten des Konzertlebens. Nicht, weil es ihr an Ausdruck oder Virtuosität fehlte, sondern weil ihr über Jahrhunderte jene Selbstverständlichkeit verwehrt blieb, die Violine, Klavier oder Violoncello bis heute genießen. Kaum jemand hat dazu beigetragen, diesen Blick zu verändern, wie Avi Avital. Nicht, indem er die Mandoline neu erfand. Sondern indem er unseren Blick auf sie veränderte.
Seit Jahren verfolgt der israelische Mandolinist dieses Ziel mit bemerkenswerter Konsequenz. Er erschließt verschollene Literatur, regt Komponisten zu neuen Werken an und entwickelt Programme, die sein Instrument nicht auf ein historisches oder folkloristisches Klischee reduzieren. Stattdessen zeigt er dessen erstaunliche Wandlungsfähigkeit – mal brillant und virtuos, mal innig und kammermusikalisch, dann wieder rhythmisch, farbenreich und überraschend modern. Die Mandoline wird bei Avital nicht erklärt. Sie spricht für sich.
Dass das Schleswig-Holstein Musik Festival diesen Weg seit Jahren begleitet, ist deshalb weit mehr als eine glückliche Festivaltradition. Nach seinem Porträtjahr 2017 kehrt Avi Avital regelmäßig zurück – jedes Mal mit einer neuen Idee. Sein Programm „Art of the Mandolin“ wirkte dabei weniger wie eine Werkschau als wie eine Einladung, das Instrument neu kennenzulernen.
Vivaldi und Scarlatti erinnern an die barocken Wurzeln der Mandoline, Beethoven überrascht mit kaum bekannten, fast naiv simplen Originalwerken für das Instrument, während Hans Werner Henze, Paul Ben-Haim und David Bruce den Blick weit in die Moderne öffnen. Die Auswahl folgt dabei keiner musikhistorischen Chronologie. Sie stellt vielmehr eine Frage, die über dem gesamten Abend schwebt: Wie viele Gesichter kann ein einziges Instrument in so kurzer Zeit zeigen?
Ein Gastgeber, kein Solist
„Moin and good evening.“ Ein Satz, und der Saal gehört ihm. Draußen zetern die Spatzen auf dem Dach des Altenhofer Kuhhauses so laut, als wollten sie mitspielen; drinnen sitzen die Reihen dicht an dicht in diesem wunderbar unprätentiösen Bau, in dem einmal Kühe standen und heute Weltklasse zu hören ist. Es ist ein Sommerabend, an dem sich Erwartung und Behaglichkeit die Waage halten.
Den Anfang macht Domenico Scarlatti: die Sonate d-Moll K 90, ursprünglich für Melodieinstrument und Basso continuo, hier für Mandoline, Theorbe und Cembalo. Vier Sätze, historisch aufgeladen bis in die Verzierungen, und doch nichts Museales. Ophira Zakai an der Theorbe und Alexander von Heißen am Cembalo bauen ein Continuo, das trägt statt begleitet, und Avital tanzt förmlich darüber hinweg. Schwierigste Passagen, gespielt mit einer großen Leichtigkeit, die Klangfarben wechseln zwischen Takten, zwischen einzelnen Tönen. Ein Raunen in den Reihen: „Ist das schön.“
Und dann der Bruch: Hans Werner Henzes „Carillon, Récitatif, Masque“ von 1974, Trio für Mandoline, Gitarre und Harfe, folgt unmittelbar auf den Barockauftakt und wirft die Zuhörer ins 20. Jahrhundert. Avital ist hier nicht Solist, sondern Gastgeber: ein gleichwertiges Trio mit Anneleen Lenaerts an der Harfe und Łukasz Kuropaczewski an der Gitarre. Die Mandoline klingt präzise, zwischendurch regelrecht rotzig. Atonale Sequenzen lösen sich immer wieder in einen Drehorgel-Moment auf, in dem sich alle drei wiederfinden; die führende Stimme wandert virtuos durch die Instrumente, die Musiker werfen sich Melodiefragmente zu wie Bälle, um sich gleich darauf wieder in längere solistische Passagen zurückzuziehen. Der Schlusssatz bleibt sperrig, atonal, rhythmisch heikel, mit Motiven, die sich verbeißen und nicht loslassen wollen.
Der Narr, der Archivfund und der Liebesbrief
Zurück in den Rahmen der alten Musik führt Vivaldis Triosonate C-Dur RV 82 – original für Violine, Laute und Continuo, sodass Avital hier die Geigen-, Zakai die Lautenstimme übernimmt. Fantastisch phrasiert, klug interpretiert, mit einem Mittelsatz, der die Zeit anhält.
Ravels „Alborada del gracioso“ ist das einzige Arrangement des Abends – ein Fremdkörper im Programm, das sonst ausschließlich Originalliteratur zeigt, und ein bewusst gesetzter. Im Original ein Klavierstück aus den „Miroirs“ von 1905, das Ravel erst 1918 selbst orchestrierte, erzählt es das Morgenständchen des Narren. In der Fassung für Mandoline, Gitarre und Harfe wird daraus eine spanische Gitarrenfantasie mit doppeltem Boden: Avital lässt die Mandoline in bestimmten Phrasen unweigerlich nach Venedig klingen, in anderen – man kann nichts dagegen tun – nach James Bond. Das Stück lässt allen dreien Raum, führt vom Soloinstrument zurück ins Trio, sehr virtuos, sehr Ravel.
Paul Ben-Haims „Sonata a tre“ für Mandoline, Gitarre und Cembalo hat eine Geschichte, die Avital an diesem Abend selbst erzählt: Ein Freund stieß im Nationalarchiv in Jerusalem auf das unvollendete Werk, Avital rekonstruierte es. Was daraus wurde, verbindet klassische Formsprache mit den Farben des Nahen Ostens, ohne dass je Folklore daraus würde. Es war dieser Archivfund, der Avital überhaupt erst dazu brachte, zeitgenössische israelische Komponisten um neue Stücke zu bitten. Der Anfang von rund hundert Auftragswerken.
Beethovens Adagio Es-Dur WoO 43b ist dagegen genau das, was Avital ein „kleines Liebesbriefchen“ nennt: eines von vier Mandolinenstücken, alle der jungen Gräfin Josephine von Clary-Aldringen gewidmet, die Begleitstimme deutlich anspruchsvoller als der Solopart. Man ahnt, wer hier wen beeindrucken wollte. Im Kuhhaus tritt an die Stelle des Cembalos die Harfe: Anneleen Lenaerts umspielt Avital mit einer intimen Zartheit. Fast naiv in seiner Schlichtheit, und trotzdem der stillste Moment des Abends. Vivaldis Triosonate g-Moll RV 85 setzt danach noch einmal einen barocken Schlussstrich.
Ein Tanz mit dem Tod, der das Leben feiert
Der Höhepunkt kommt zuletzt, und Avital kündigt ihn selbst an: David Bruces „Death is a friend of ours“ ist das einzige Werk des Abends, das für genau diese fünf Instrumente geschrieben wurde – Mandoline, Gitarre, Harfe, Cembalo und Theorbe. Kein Arrangement, keine Adaption, sondern eine Besetzung, die es vor diesem Stück schlicht nicht gab. Avital hat es in Auftrag gegeben und im März 2018 im Kleinen Saal der Elbphilharmonie uraufgeführt.
Der Titel führt in die Irre, und das mit Kalkül. Bruce ließ sich von den letzten Gedichten der 2017 gestorbenen Helen Dunmore inspirieren. Drei Sätze, und alle drei sind Tänze. Das Leben als Ritt eines Surfers durch die Innenseite einer Welle – wunderbar und mit abruptem Ende. Was daraus entsteht, ist von einer geradezu trotzigen Lebensfreude: fünf Zupfinstrumente, die einander umkreisen, sich ineinander verhaken, sich gegenseitig anstacheln, bis das Finale in eine Wärme kippt, die man nach dem Titel nicht erwartet hätte. Im Kuhhaus wurde daraus der Moment, an dem sich das Versprechen des ganzen Abends einlöste.
Text: Ilseken Roscher, Sebastian Schack