- Die opulente Bühne bietet eine beeindruckende Basis für Faust. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
- Gretchen (Fayoloa Schönrock) und der wieder junge Faust (Marko Gebbert). (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
- Mischa Warken (Mephisto) und Marko Gebbert (Faust) sind sich schon in „Lazarus“ als Teufel und Verführter begegnet. Im Hintergrund: Tiffany Köberich als Oberhexe (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
- Das Theater Kiel glänzt einmal mehr mit einer großartigen Ensembleleistung. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
Das Theater Kiel verlegt Goethes „Faust" in einen religiösen Überwachungsstaat — und macht aus Gretchen eine Widerstandskämpferin. Dazu Songs von Selig, ein riesiger Bildschirm und ein Mephisto, der sichtlichen Spaß am Bösen hat. Ein Sommerabend in Holtenau, der lange nachhallt.
Wenn auf dem MFG-5-Gelände die Sonne über der Förde langsam untergeht, beginnt das Theater Kiel, seinen „Faust“ auszubreiten — und man merkt sofort, dass hier niemand vorhat, sich zurückzuhalten.
Die Bühne von Lars Peter ist opulent, ohne protzig zu sein: ein weit geöffneter Raum, dominiert von einem riesigen Bildschirm in der Mitte, auf dem Moritz Bolls Videoarbeit mal stimmungsvolle Ambienteanimationen laufen lässt, mal Szenen, die Nichterzähltes ergänzen und die Handlung weiterschieben.
Ein Gottesstaat, in dem Gretchen kein Opfer ist
Regisseur Daniel Karasek und Dramaturg Jens Paulsen holen Goethes Stoff in die Gegenwart — aber die Modernisierung, die zuerst ins Auge fällt, ist die unwichtigere. Handys, Autos, Faust am Laptop im Studierzimmer. (Nebenbei, für alle, die sich für Technik begeistern: Der Umgang mit Computern in Film und auf Bühnen bleibt auch hier eine verlässliche Quelle (unfreiwilliger?) Komik.)
Gretchen (Fayoloa Schönrock) und der wieder junge Faust (Marko Gebbert). (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
Das eigentliche Update aber liegt tiefer. Karasek verlegt die Handlung in einen totalitären, konservativ-religiösen Überwachungsstaat, in dem der Glaube nicht Trost ist, sondern Herrschaftsinstrument. Das ist keine dekorative Setzung, sondern eine, die die Figuren umbaut — allen voran Gretchen. Bei Goethe ist sie Geliebte und Opfer. Hier ist sie im Widerstand: gläubige Christin, der ihre Religion weiterhin wichtig ist, die aber genau deshalb nicht erträgt, wie der Staat sie korrumpiert. Die Gretchenfrage wird so auch zu einer politischen.
Fayola Schönrock spielt das wunderbar. Ihre Margarete hat Kraft, hat Eigensinn, hat eine eigene Lust — sie ist eben nicht Fausts Gespielin, sondern eine Frau mit eigener Agenda. Ihr Protestsong ist einer der vielen bewegenden Momente des Abends. Umso härter trifft es, wie weit Schönrock ihre Figur zum Ende hin öffnet: Am Schluss, im Kerker, bleibt von der Widerständigen eine enorme Verletzlichkeit, und ihr wehklagendes Lied ist der letzte, lange nachhallende Ton des Abends.
Mischa Warken (Mephisto) und Marko Gebbert (Faust) sind sich schon in „Lazarus“ als Teufel und Verführter begegnet. Im Hintergrund: Tiffany Köberich als Oberhexe (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
Wiedersehen aus „Lazarus“
Marko Gebbert gibt den Faust in beiden Lebensaltern, den Alten wie den Jungen, mit einer Glaubwürdigkeit und Intensität, die über den ganzen Abend nicht abreißt. Im Umgang mit dem Teufel, in der inneren Zerrissenheit, in der Liebe zu Gretchen — Gebbert findet für jede Phase einen eigenen Ton, ohne je in Deklamation zu verfallen.
Ihm gegenüber Mischa Warken als Mephisto, und hier schließt sich für aufmerksame Kieler Theatergänger:innen ein Kreis: Schon in „Lazarus“ standen sich die beiden schon einmal als Getriebener und Verführer gegenüber, Gebbert als Newton, Warken als Valentine. Warken ist als Teufelsfigur wiederholt eine Idealbesetzung. Er bringt das Durchtriebene, das Hintersinnige, das Menschenverachtende auf die Bühne — und lässt seinen Mephisto dabei einen so teuflischen Spaß haben, dass er auf das Publikum überspringt. Man sieht ihm die Freiheiten an, die ihm die Regie lässt, bis hinein ins Vulgäre. So ist es Mephisto, der die Tragödie für kurze Momente in eine Tragikomödie verwandelt, ohne beliebig zu werden.
Das Theater Kiel glänzt einmal mehr mit einer großartigen Ensembleleistung. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
Was diesen „Faust“ aber wirklich auszeichnet, ist einmal mehr die Ensembleleistung, und die sucht ihresgleichen. Tiffany Köberich als aufreizende Oberhexe, Jennifer Böhm als Hexe und Tristan Taubert als Valentin — alle drei auch in weiteren Rollen — wissen an ganz verschiedenen Stellen auf ihre je eigene Art zu überraschen. Zacharias Preen gibt einen Priester, der in diesem Staat weniger Prediger als diabolisches Staatsoberhaupt ist, mit einer Kälte, die sitzt. Christian Kämpfer zeichnet einen Wagner, der Faust bewundert und ihn dadurch umso schmerzhafter an die eigenen Grenzen erinnert. Und Imanuel Humm spielt Gott und Theaterdirektor in Personalunion — eine nette Pointe im Detail.
Metal und Techno über Goethe, und es funktioniert
Getragen wird das Ganze von einer hervorragend ausgewählten und komponierten Musik. Verantwortlich zeichnen Leo Schmidthals und Christian Neander von Selig, unter der musikalischen Leitung von Jonathan Wolters. Alle drei stehen mit Selig-Schlagzeuger Stephan Eggert als Live-Band selbst auf der Bühne — Neander an der Gitarre, Schmidthals an Bass und Synthesizer, Wolters an Keyboards, Gitarre und Bongos.
Auch hier hätte einiges schiefgehen können. Rockmusik über Goethes Verse gelegt kann die Sprache platt walzen; ein durchkomponierter Abend kann in Einheitssound erstarren. Stattdessen ist die Partitur erstaunlich facettenreich. Eine klare Rockidentität bildet die Basis, aber sie öffnet sich je nach Szene: harte, Metal-Passagen an der einen Stelle, Blues und Siebzigerjahre-Rock an der anderen, in Auerbachs Keller ein bewusst billiger Partysound, in der Walpurgisnacht Techno. Gretchen bekommt eine Singer-Songwriter-Färbung, die ihr eigene Innerlichkeit gibt, und aus „Meine Ruh ist hin“ wird gegen jede Schubert-Erwartung ein wütender Grunge-Song, der an Nirvana erinnert. All das ist keinesfalls beliebig, sondern lässt sich stets auch dramaturgisch begründen.
Das Publikum hat das honoriert: Szenenapplaus an mehreren Stellen, besonders nach den großen Ensemble-Nummern, und am Ende — trotz der weit vorgerückten Stunde — langer, weitgehend stehender Applaus.
Fazit
Es gibt Abende, an denen man nach einer Schwachstelle sucht und keine findet. Dieser „Faust“ ist so einer. Karaseks Zugriff hätte plakativ werden können und wird es nicht; die Modernisierung hätte den Text erdrücken können und lässt ihm Raum; Gretchens Aufwertung hätte konstruiert wirken können und wirkt zwingend. Das Kieler Sommertheater 2026 ist ein großer, kluger, teuflisch vergnüglicher Abend.
„Faust“ wird im Rahmen des Sommertheaters gespielt bis zum 6. September 2026, täglich außer montags, jeweils um 20 Uhr. Tickets, wie immer, auf theater-kiel.de, telefonisch unter 0431 – 901 901 und an allen Vorverkaufsstellen des Theater Kiel.
Und ein praktischer Hinweis für alle, die noch hinwollen: Sobald die Sonne weg ist, wird es auf dem Gelände sehr schnell sehr kalt. Jacke, Decke, Schal — lieber eine Schicht zu viel als eine zu wenig.