- (Bild: Foto: Waschill – CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48060275)
Kiel sucht einen neuen Generalmusikdirektor. Christopher Ward war der erste Kandidat, der sich am Pult des Philharmonischen Orchesters beweisen musste. Sein Einstand war stark, und zwar nicht nur für Kenner.
Die meisten Vorstellungsgespräche finden hinter geschlossenen Türen statt. Das von Christopher Ward fand am Sonntagvormittag öffentlich statt, im Konzerthaus am Schloss, mit einer Wiederholung am Montagabend. Vor ihm saß ein ganzes Orchester, das ihn genau beobachtete, hinter ihm das Publikum. Beide wollten wissen: Könnte dieser Mann der Neue werden?
Warum dieses Konzert so viel Gewicht hat, versteht man erst, wenn man weiß, was ein Generalmusikdirektor eigentlich tut. Er ist weit mehr als der Mann mit dem Stab. Er prägt über Jahre, wie ein Orchester klingt und welche Musik eine Stadt zu hören bekommt. In Kiel ist dieser Posten verwaist, seit Gabriel Feltz 2025 nach nur einem Jahr im Amt viel zu früh verstorben ist. In dieser Saison stellen sich nun die finalen Kandidat:innen vor, und Ward machte den Anfang.
Der Brite hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Er studierte in Oxford und an der Londoner Guildhall School und ging dann nach Zürich. 2005 kam er nach Deutschland, als Dirigent und Repetitor am Staatstheater Kassel. Danach ging es steil bergauf. 2006 assistierte er Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern, ab 2009 war er Kapellmeister und Assistent von Kent Nagano an der Bayerischen Staatsoper, ab 2014 Erster Kapellmeister in Saarbrücken. Von 2018 bis 2026 war er Generalmusikdirektor in Aachen. Ab 2027 wird er außerdem Music Director der Longborough Festival Opera in England.
In Kiel stand er nun vor einem Programm mit dem Titel „Konstruktion und Illusion“, rund achtzig Minuten Musik in drei Werken. Den Anfang machte eine kleine Musikgeschichte zum Mitdenken. 1747 gab der Preußenkönig Friedrich II. Johann Sebastian Bach ein musikalisches Thema vor, und Bach machte daraus ein sechsstimmiges Meisterstück, das „Ricercar a 6“ aus dem „Musikalischen Opfer“. Knapp zweihundert Jahre später verteilte Anton Webern die Musik Häppchen für Häppchen auf das ganze Orchester. Man muss nichts über Kontrapunkt wissen, um zu hören, wie Bachs Melodie von Instrument zu Instrument wandert. Es sind zehn Minuten wie ein Staffellauf quer durch das Orchester.
Danach ging es in den Süden. William Walton schrieb sein Cellokonzert auf der Insel Ischia, für den legendären Cellisten Gregor Piatigorsky, der es 1957 uraufführte. Der erste Satz schwebt in gedämpfter, fast schwüler Wärme. Im zweiten jagt das Cello leidenschaftlich davon. Im Finale spinnt es ein Thema in immer neuen Improvisationen weiter, bis am Ende die Stimmung des Anfangs zurückkehrt. Der Solist des Konzerts, Sebastian Klinger, ist in München geboren und in Spanien aufgewachsen. Dreizehn Jahre lang war er Erster Solocellist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, einem der besten Orchester der Welt. Seit 2015 ist er Professor an der Hamburger Musikhochschule. Klinger spielte so souverän und passioniert, dass ihn das Publikum zu Recht nicht ohne Zugabe gehen ließ.
Nach der Pause folgte Brahms’ Vierte, seine letzte Sinfonie, uraufgeführt 1885. Hier ist vor allem das Finale ein echtes Kunststück: Eine kurze Basslinie läuft immer wieder durch, während sich alles Darüberliegende zigfach neu verwandelt. Ob man als Zuhörende:r dabei den Faden behält, hängt stark am Dirigenten. Ward nimmt dafür den ganzen Körper zu Hilfe. Wenn es heikel wird, krümmt er sich fast zusammen und scheint mit chirurgischer Präzision zu arbeiten, den Taktstock als Skalpell. In anderen Passagen wählt Ward die großen Gesten, die natürlich immer auch ein gewisses Show-Element in sich tragen. Das hilft sicherlich den Musiker:innen, aber auch dem Publikum, vielleicht sogar besonders jenen im Saal, die sich mit diesem Konzert auf etwas Neues eingelassen haben: Das Theater Kiel versucht mit all seinen Sparten stets auch neues Publikum anzuziehen und neue Leidenschaften zu entfachen. Ein Dirigent, der es versteht, vom Podest aus auch den Zuhörenden die Musik ein Stück weit zu erklären, wäre dafür ein echter Gewinn.
Zum Schluss applaudierte nicht nur der Saal lange für Orchester und Dirigent. Auch die Musiker:innen applaudierten Ward, und das schien weit mehr als nur ein Akt der Höflichkeit zu sein. Christopher Ward hat die Latte hoch gelegt. Ob er der Richtige ist, entscheidet sich erst im Vergleich, denn weitere Kandidat:innen folgen im November und Dezember. Wir sind gespannt, wer die nächsten Konzerte leiten wird, denn noch sind die Namen nicht bekannt.