- Nur sie kennt die ganze Wahrheit: Anne Deever (Rebekka Wurst, links). Joe und Kate Keller (Nikolaus Okonkwo und Isabel Baumert, rechts) wollen das Idyll bewahren, das George (Rudi Hindenburg, Hintergrund) zu sprengen droht. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
Ein Fabrikant, ein vermisster Sohn und eine Lüge, die eine ganze Familie bedroht: Jonathan Heidorn inszeniert Arthur Millers „Alle meine Söhne“ am Schauspielhaus Kiel. Ein pastellfarbenes Puppenhaus, ein starkes Ensemble und ein Himmel, der am Ende tatsächlich einstürzt.
In der Nacht hat der Sturm den weißen Baum im Garten geknickt. Den Baum, den die Kellers für ihren Sohn Larry gepflanzt haben, nachdem er aus dem Krieg nicht zurückgekehrt ist. Im Kieler Schauspielhaus ist dieser Baum weiß, und er ist nicht bloß geknickt, sondern entzweigebrochen. Ringsum leuchtet eine Welt, in die er so gar nicht passen will: Pastell, wohin man blickt, aus dem Pool plätschert es friedlich, und über allem spannt sich ein hellblauer Vorhang mit Schäfchenwolken. Die Kellers haben es gut. Zu gut vielleicht.
Ein Tag, ein Garten, eine Lüge
Joe Keller (gespielt von Nikolaus Okonkwo) hat es geschafft: Fabrikant, Eigenheim, Nachbarn, die gern auf ein Glas vorbeischauen. Nur seine Frau Kate (Isabel Baumert) lebt in einer anderen Zeit. Seit drei Jahren gilt Larry, der ältere Sohn, als vermisst, ein Kampfpilot, von dem nie wieder eine Nachricht kam. Für Kate ist er nicht tot. Er kommt wieder, eines Tages, ganz bestimmt.
Ausgerechnet in diese Ruhe platzt Chris (Tomte Heer), der jüngere Sohn, mit seinem Plan: Er will Anne Deever (Rebekka Wurst) heiraten, Larrys frühere Verlobte. Mit dieser Hochzeit wäre Larry endgültig begraben. Und Anne bringt eine Geschichte mit ins Haus, die alle lieber vergessen würden. Ihr Vater Steve war Joes Kompagnon. Im Krieg hat die gemeinsame Firma rissige Zylinderköpfe für Flugzeugmotoren an die Luftwaffe geliefert, 21 Maschinen stürzten ab, Piloten starben. Steve sitzt dafür im Gefängnis. Joe wurde freigesprochen und hat das Werk danach groß gemacht.
Als Annes Bruder George (Rudi Hindenburg) direkt vom Gefängnisbesuch beim Vater anreist, gerät die mühsam gepflegte Version der Geschichte ins Rutschen. Um die Familie herum kreist die Nachbarschaft wie ein Chor mit eigenen Wunden: der Arzt Jim Bayliss (Philipp von Schön-Angerer), der seine Forscherträume einem sicheren Einkommen geopfert hat, mit seiner Frau Sue (Agnes Richter), Frank Lubey (Marius Borghoff), der für Larry ein Horoskop erstellt, und Lydia (Claudia Friebel), einst Georges Jugendliebe.
Ein Stück aus der Zeitung
Die Geschichte ist nicht erfunden. Millers damalige Schwiegermutter machte ihn auf einen Zeitungsbericht aus Ohio aufmerksam: Im Werk der Wright Aeronautical Corporation in Lockland, einer Tochter des Konzerns Curtiss-Wright, waren zwischen 1941 und 1943 fehlerhafte Flugzeugmotoren in Absprache mit Abnahmeoffizieren der Armee als einwandfrei durchgewunken worden. Arbeiter aus dem Werk hatten den Fall dem Untersuchungsausschuss des Senators Harry S. Truman gemeldet und später unter Eid ausgesagt.
Miller machte daraus 1946 ein Familiendrama. Am 29. Januar 1947 kam „All My Sons“ am Coronet Theatre in New York heraus, inszeniert von Elia Kazan. Das Stück lief 328 Vorstellungen lang, gewann den Preis der New Yorker Theaterkritik und Tony Awards für Autor und Regie. Für Miller war es die letzte Chance: Sein Broadway-Debüt „The Man Who Had All the Luck“ war 1944 nach vier Vorstellungen abgesetzt worden.
Dramaturgisch steht „Alle meine Söhne“ in der Schule Henrik Ibsens: Die Schuld liegt in der Vergangenheit, das Drama besteht darin, sie freizulegen.
Inhaltlich trifft es einen Nerv des Nachkriegsamerikas. Das Land feiert den Sieg und den Aufschwung, während Millers Figuren fragen, auf wessen Kosten dieser Wohlstand entstanden und wem man eigentlich verpflichtet ist: nur der eigenen Familie oder auch den Söhnen der anderen. Miller erzähle „das Politische im Grunde über das Private“, sagt der Kieler Dramaturg Jens Paulsen. Dass das Stück gerade wieder Konjunktur hat, zeigt auch ein Blick nach London: Ivo van Hoves Inszenierung mit Bryan Cranston („Breaking Bad“) als Joe Keller gewann 2026 zwei Olivier Awards.
Regie in Kiel führt Jonathan Heidorn, das Bühnenbild stammt von Florence Schreiber, die Kostüme von Annabelle Gotha, die Dramaturgie verantwortet Jens Paulsen.
Mit „Alle meine Söhne“ eröffnet das Schauspielhaus seine Spielzeit. Für Jonathan Heidorn ist es die dritte Kieler Regiearbeit nach Igor Memićs „Die Brücke von Mostar“ im Studio und Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ aus der vergangenen Spielzeit. Hier hat er es nun mit einem Autor zu tun, der, wie er im Podcast des Theaters sagt, „jedes kleinste Detail durchdacht hat“. Beim Lesen habe es ihn „ganz kalt“ erwischt, als sich alles entblätterte: mal Krimi, mal Psychodrama, mal überhöhte Satire.
Genau diese Überhöhung prägt den Raum. Heidorn, Schreiber und Gotha wollten Millers Nachkriegsamerika nicht wie in einer kleinen Schneekugel konservieren. Der Garten der Kellers ist ein pastellfarbenes Barbiehaus, vielleicht in den Fünfzigern, vielleicht heute, mit Springbrunnen, Golfbahn und Kiesbett. Das Leben, das dem Garten abgeht, wandert auf die Kostüme. Gotha hat sie mit floralen Mustern versehen, passend zu einer Welt, die so sauber wirkt, als hätte es den Krieg nie gegeben und als klebe an nichts hier Blut.
Das Konzept erstreckt sich bis in die Details. Das Wasserplätschern aus dem Pool kommt – Fun fact! – nicht vom Band: Inspizientin Mascha Leuenhagen erzeugt es live, abseits der Bühne. Wie dünn die Kulisse dieses Wohlstands ist, zeigt Schreibers Bühne im Finale mit einem einzigen Handgriff. Wenn es Nacht wird, fällt der Himmel. Der Wolkenvorhang stürzt herab und gibt den Blick frei auf ein schwarzes Nichts.
Nikolaus Okonkwo spielt Joe Keller stark und kühl. Seine Jovialität wirkt wie eine Rüstung: Kritik perlt an diesem Mann ab, Vorwürfe lächelt er weg, und an seiner Version der Geschichte hält er fest bis zuletzt.
Isabel Baumert spielt Kate extrem glaubhaft. Ihr Festhalten an der Hoffnung ist kein Spleen, sondern Überlebenswille einer Mutter, die den Tod ihres Sohnes nicht annehmen will. Wer daran rüttelt, bekommt es phasenweise mit großem Furor zu tun.
Mittendrin steht Chris wie Ken im Puppenhaus: adrett, glatt, ein Sohn wie aus dem Katalog. Tomte Heer gibt ihm trotzdem viel Tiefe und lässt das Plastik im Lauf des Abends Schicht für Schicht abblättern, bis im Finale nur noch pure Emotion auf zwei Beinen über die Bühne schreitet.
Die Barbie zu diesem Ken ist Rebekka Wursts Anne ausdrücklich nicht. Sie ist die Einzige, die die ganze Wahrheit kennt, und kehrt trotzdem bewusst in diese Welt zurück. Rudi Hindenburg hat als George zwar den Wendepunkt des Stücks in der Hand, bleibt in dieser Inszenierung aber eine Randfigur.
Für Luft sorgt Marius Borghoff als Nachbar Frank. Mit seiner Aufmachung und seinem Horoskop für Larry ist er der Comic Relief des Abends und verschafft dem Publikum Momente zum Durchschnaufen. Philipp von Schön-Angerer, Agnes Richter und Claudia Friebel runden das Ensemble als Nachbarschaft mit eigenen kleinen Wunden ab.
Jonathan Heidorn zeigt einen zeitlosen Klassiker in einer tollen, konsequent durchdachten Inszenierung. Eine Revolution ist der Abend nicht, aber er verlegt Millers Fragen nach Schuld und Verantwortung schlüssig in ein Puppenhaus, das unserer Gegenwart verdächtig ähnlich sieht. Das Premierenpublikum dankte mit lang anhaltendem Applaus.
„Alle meine Söhne“ von Arthur Miller ist nach der ausverkauften Premiere noch in Vorstellungen bis Ende Februar zu sehen. Karten an den Theaterkassen, unter Telefon 0431 901 901 und auf theater-kiel.de.
Wer sich auf den Abend einstimmen will, sollte vorher in den Podcast des Theaters Kiel hineinhören. In Folge 14 spricht Dramaturg Jens Paulsen mit Regisseur Jonathan Heidorn sowie Nikolaus Okonkwo, Isabel Baumert und Tomte Heer über die Inszenierung. Es geht um Millers Gespür für Figuren und Konstellationen, um die Hoffnung einer Mutter, deren Sohn als verschollen gilt, um die seelischen Kriegsfolgen bei Heimkehrern und um Schuld und moralische Verantwortung.