- Während der Jäger (Julian Melcher, Hintergrund) es auf den Wolf(f)spelz abgesehen hat, entwickeln Großmutter, Rotkäppchen und Hermine Wolff (Lasse Wagner, Elli Frank, Johanna Kröner v.l.n.r.) einen Plan, um den Mond wieder zum Strahlen zu... (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
Am Ende heult der halbe Saal. Als sich nach der Premiere von „Rotkäppchen und Herr Wolff“ die Türen des Jungen Theaters im Werftpark öffnen, ziehen viele der Zuschauer:innen mit langgezogenem Wolfsgeheul hinaus ins Freie – und das galt nicht nur für die Kinder.
Bis auf den letzten Platz war die Vorstellung ausverkauft, und die Begeisterung kannte keine Altersgrenze: Jung und Alt feierten das Ensemble gleichermaßen. Treffender lässt sich kaum zusammenfassen, was Regisseurin Franziska-Theresa Schütz und ihrem vierköpfigen Ensemble mit Sergej Gößners Märchenumdichtung gelungen ist.
Ein Märchen gegen das Gerücht
Sergej Gößner stellt die Grimm’sche Ordnung kurzerhand auf den Kopf. Im Märchenwald herrscht Aufruhr: Die sieben Geißlein sind verschwunden, der Mond hat seinen Glanz verloren, und für die Bewohner:innen steht der Schuldige längst fest – der Fremde aus dem Dunkelwald, der seit Tagen verdächtig herumschleicht. Gesehen hat ihn zwar niemand, aber jeder weiß natürlich ganz genau, wie gewaltig sein Appetit ist.
Nur Rotkäppchen (gespielt von Elli Frank) will sich ein eigenes Bild machen, bevor es urteilt. Und siehe da: Der Wolf (Johanna Kröner) heißt Wolff, spricht ein wenig altmodisch, erzählt wunderbare Geschichten – und ist vor allem furchtbar einsam. Gemeinsam mit der stricksüchtigen Großmutter (Lasse Wagner) wird ein Plan geschmiedet, der den Wald von Wolffs Freundlichkeit überzeugen und den Mond wieder zum Leuchten bringen soll.
Manuel Kolip hat dafür eine liebevolle Kulisse aus Häusern und Wald gebaut, vor der die aufgebrachte Dorfgemeinschaft mit Pappschildern gegen den Wolf demonstriert. Für die Musik sorgt Jan Fritsch, die Dramaturgie verantwortet Alex Gesch. Die Botschaft – ein Plädoyer für Offenheit und gegen festgefahrene Meinungen – kommt mit so viel Witz daher, dass sie bei den Jüngsten mühelos ankommt. Das Wolfsgeheul am Ende ist der beste Beleg.
Eine Blume für den Wolf
Im Zentrum steht Rotkäppchen, und ihre stärkste Waffe ist eine denkbar kleine: eine Blume. Mit der einfachen Geste des Blumengeschenks besänftigt sie erst den vermeintlich bösen Wolf und später auch den schießwütigen Jäger. Ein Moment ohne große Worte, der gerade deshalb so berührt.
Julian Melcher überzeugt nicht nur als Jäger mit Hörnermütze und lockerem Abzugsfinger, er glänzt auch in der herrlich verrückten Rolle des WieselWusel. Und dann ist da Lasse Wagner, der neben Herrn Kleinlich auch die stricksüchtige Oma gibt – eine der tollsten Theater-Omas, die je in Kiel zu sehen waren.
Johanna Kröner schließlich grunzt sich im ersten Teil als Frau Eberle durch den Märchenwald, bevor sie als Hermine Wolff eine einfach fantastische Performance hinlegt – Besucher:innen der Eröffnungsgala des Theater Kiel wissen davon bereits ein Lied zu singen. Kein Wunder, dass das Publikum im Jungen Theater bereits nach wenigen Minuten ganz klar #TeamWolf ist.
„Rotkäppchen und Herr Wolff“ ist Kindertheater, wie es sein soll: komisch, warmherzig und mit einer Botschaft, die man nicht nur Fünfjährigen mit auf den Weg geben möchte, sondern die sich auch manche Erwachsene gerne hinter die Ohren schreiben dürfen.
„Rotkäppchen und Herr Wolff“ ist empfohlen ab 5 Jahren, dauert rund 65 Minuten. Öffentliche Vorstellungen sind derzeit bis zum Ende des Jahres geplant, dazu kommen zahlreiche Vormittagsvorstellungen für Kitas und Schulen. Karten an den Theaterkassen, unter Tel. 0431 901 901 und online auf theater-kiel.de.