Abrissbirne oder Sanierungswunder? Die Zukunft der Seebadeanstalt erhitzt die Gemüter an der Förde. Während knapp 10.000 Kielerinnen und Kieler um ihr maritimes Wohnzimmer bangen und eine Dauerbaustelle fürchten, wiegelt die Stadt ab. Ein Vor-Ort-Blick auf ein Politikum, das ganz Kiel bewegt.
Ein Stück Kieler DNA steht auf der Kippe
Ein Sprung in die eiskalte Förde am Morgen, die erste Pommes oder Pizza nach dem Schwimmenlernen mit den Kids oder der Romantik-Absacker bei Sonnenuntergang auf dem Steg: Für Tausende Menschen ist das Seebad an der Kiellinie weit mehr als nur ein Holzsteg im Wasser. Es ist Kultur, Geschichte seit 1822 und für viele das echte, maritime Gesicht unserer Landeshauptstadt. Doch die Hiobsbotschaft sitzt tief: 2028 soll Schluss sein. Der Abriss ist geplant.
Angst vor der Dauerbaustelle: Die Bürger laufen Sturm
Gegen die Abrisspläne formiert sich massiver Widerstand. Die frisch gegründete Initiative „Weiterbaden!“ schlug Alarm und traf damit einen Nerv: Innerhalb kürzester Zeit sammelte ihre Petition fast 10.000 Unterschriften.
Die Sorge der Petenten ist groß: Die geschätzten Abriss- und Neubaukosten von knapp fünf Millionen Euro könnten durch schwierige Baugrundverhältnisse und Kampfmittelsondierungen in der Förde schnell explodieren. Da die Finanzierung für einen Neubau bislang nicht gesichert ist, fürchten viele Kielerinnen und Kieler das Worst-Case-Szenario: Eine jahrelange, unfertige Dauerbaustelle an Kiels Sahneseite.
„Die Seebadeanstalt gehört zum maritimen Gesicht von Kiel. Wir machen uns große Sorgen, dass das Seebad 2028 abgerissen wird und wegen der nicht gesicherten Finanzierung eine Dauerbaustelle entsteht“, bringt es Mitinitiator Michael Felsmann auf den Punkt.
Auch für Familien ist die Badeanstalt unersetzlich. Sie bietet den einzigen barrierearmen Zugang und Flachwasserbereich am Westufer, wo Kinder gefahrlos das Schwimmen lernen können.
Das sagt das Rathaus: Prüfung statt Schnellschuss
Und was sagt die Stadt Kiel zu der Welle des Protests? Aus dem Rathaus gibt man sich versöhnlich, verweist aber auf die harte bauliche Realität. Die Stadt freue sich über das Engagement der Bürgerinnen und Bürger – es zeige, wie tief die Kieler mit diesem Ort verbunden sind.
Gleichzeitig macht die Verwaltung deutlich, dass der Zahn der Zeit massiv an den Pfählen und der Substand der historischen Anstalt nagt. Sobald die Unterschriften der Petition offiziell an Oberbürgermeister Dr. Samet Yilmaz übergeben werden, wandert das Thema durch die Fachdezernate und politischen Gremien. Dort muss abgewogen werden, ob eine kostenintensive Denkmalsanierung überhaupt noch realistisch ist – oder ob Platz für Neues geschaffen werden muss.
Wie geht es jetzt weiter an der Förde?
Eines steht fest: Der Kampf um das Seebad ist zu einem echten Politikum geworden. Die Politik steht unter Druck, eine transparente und tragfähige Lösung zu präsentieren, die den Spagat zwischen den klammen Stadtkassen und dem Herzblut der Kieler Bevölkerung schafft.
Wer die Initiative unterstützen oder den aktuellen Stand der Petition verfolgen möchte, findet alle Infos direkt bei der Initiative Weiterbaden!.