- Kian Soltani, Christoph Eschenbach umringt vom Schleswig-Holstein Festival Orchestra. (Foto vom Vorabend in Lübeck.) (Bild: © Agentur 54° Felix König)
Kian Soltani, Christoph Eschenbach und das Schleswig-Holstein Festival Orchestra zum Abschluss des SHMF in der Elbphilharmonie Hamburg.
Zwei Abende, ein Abschied. Am Sonntag hatte das Schleswig-Holstein Festival Orchestra sein Programm schon in der Lübecker Musik- und Kongresshalle gespielt, dort, wo das SHMF traditionell seinen Ankerpunkt hat. Am Montag dann der zweite, endgültige Abschied: ausverkaufter Großer Saal der Elbphilharmonie, Kian Soltani am Cello, Christoph Eschenbach am Pult – und ein Orchester, das genau weiß, dass dies sein letzter gemeinsamer Auftritt ist. Man hört es von der ersten Minute an: in der Konzentration, in der Wärme, in einer Musizierfreude, die keine Anzeichen von Ermüdung nach Wochen intensiver Probenarbeit zeigt, sondern eher das Gegenteil – als wolle jede und jeder im Orchester noch einmal alles geben, bevor sich dieser besondere Klangkörper wieder auflöst.
Den Anfang macht Robert Schumanns Cellokonzert a-Moll op. 129, ein Werk mit einer denkbar unglücklichen Entstehungsgeschichte: Schumann schrieb es 1850 innerhalb von nur zwei Wochen, kurz nachdem er als frisch ernannter Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf angekommen war – eine glückliche, produktive Phase, in der im selben Jahr auch seine „Rheinische“ Sinfonie entstand. Gehört hat er sein Cellokonzert allerdings nie: Kein Cellist seiner Zeit wollte sich an das ungewöhnliche Stück wagen, das Solist und Orchester in einem für damalige Virtuosenkonzerte höchst unüblichen Dialog verwebt, statt dem Cello die große Show zu überlassen. Uraufgeführt wurde es erst 1860, vier Jahre nach Schumanns Tod. Schumann selbst nannte es ein „heiteres Stück“ – ein Urteil, dem man als Hörer nicht sofort zustimmen möchte, so grüblerisch und introvertiert beginnt es.
Kian Soltani nimmt genau diese Introvertiertheit ernst, ohne sich in ihr zu verlieren. Sein Spiel ist frisch, dynamisch und trotzdem jederzeit auf den Punkt – kein Ton wirkt beliebig gesetzt, jede Phrase hat Richtung und Ziel. Bemerkenswert ist vor allem, wie sehr er das Konzert als das nimmt, was Schumann komponiert hat: kein Solokonzert mit Begleitung, sondern eine „höchst interessante Verwebung“, wie Clara Schumann es einst nannte. Soltani sucht ständig den Blickkontakt, den Dialog mit dem Orchester – besonders mit den Geigen und den anderen Celli, fast wie in einem Kammerkonzert. Für den heute 34-jährigen Österreicher mit persischen Wurzeln ist der Abend dabei auch eine Art Heimspiel: 2017 gewann er hier beim SHMF den Leonard Bernstein Award, jene Auszeichnung, die seine internationale Karriere entscheidend beschleunigte. Wer ihn heute erlebt, hört einen Künstler, der zu den gefragtesten Cellisten seiner Generation zählt.
Als Zugabe holt sich Soltani die Cello-Gruppe des Orchesters zu einem eigenen Arrangement einer Liebesszene aus „Der Herr der Ringe“ hinzu – passend für einen Musiker, der sich seit Jahren auch als Arrangeur einen Namen macht: Auf seinem Album „Cello Unlimited“ hat er komplette Howard-Shore- und Hans-Zimmer-Partituren für bis zu vierzig Cellostimmen selbst eingespielt.
Nach der Pause dann der große Wurf: Antonín Dvořáks Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95, „Aus der Neuen Welt“. Entstanden 1893 in New York, wo der böhmische Komponist als Direktor des dortigen National Conservatory of Music wirkte, wurde sie am 16. Dezember desselben Jahres in der Carnegie Hall uraufgeführt – unter stürmischem Jubel, der laut Zeitzeugenberichten den ganzen Saal erfasste. Dvořák selbst beschrieb, er habe den „Geist“ afroamerikanischer und indianischer Melodien einfangen wollen, ohne einzelne Themen zu zitieren; wie „amerikanisch“ das Werk tatsächlich ist, wird bis heute diskutiert, unbestritten aber ist sein Status als eine der meistgespielten und emotional unmittelbarsten Sinfonien überhaupt.
Für ein Jugendorchester ist sie ein Geschenk und eine Herausforderung zugleich: Sie verlangt genau jene Extreme, die ein solches Ensemble ausspielen kann – die überschlagenden, geradezu wilden dynamischen Ausbrüche der Ecksätze und, im zweiten Satz mit seinem berühmten Englischhorn-Thema, eine Ruhe und Langsamkeit, die junge Musikerinnen und Musiker oft schwerer fällt als die Virtuosität. Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra meistert beides mit einer Reife, die man einem Klangkörper, der sich erst wenige Wochen zuvor formiert hat, kaum zutrauen würde.
Am Pult steht – mit noch weit größerer Reife – mit Christoph Eschenbach ein Dirigent, der dem Festival seit dessen Anfängen verbunden ist wie kaum ein Zweiter. Der 1940 im heutigen Breslau geborene Eschenbach, der als Kriegswaise bei seiner Cousine, der Pianistin Wallydore Eschenbach, in Schleswig-Holstein aufwuchs, war schon beim Gründungskonzert des SHMF 1985 im Kieler Schloss dabei. Von 1999 bis 2002 war er Künstlerischer Leiter des Festivals, seit 2004 ist er Principal Conductor des Festivalorchesters – im vergangenen Jahr, zu seinem 85. Geburtstag, ehrte ihn der Festivalverein zusätzlich mit dem Ehrenvorsitz. Sein Zugang zum Orchester ist dabei erkennbar kein routinierter: Man sieht einem Dirigenten dieses Alters und dieser Erfahrung noch immer eine echte Neugier auf die jungen Musiker an.
Am Ende, nach den letzten, strahlend gesetzten Tönen der Sinfonie, löst sich für einen Moment jede professionelle Contenance auf: Der Großteil des Orchesters liegt sich tränenreich in den Armen. Es ist ein Bild, das die eigentliche Geschichte dieses Abends erzählt – nicht nur die von Schumann und Dvořák, sondern die des Schleswig-Holstein Festival Orchestra selbst. 1987 von Leonard Bernstein gegründet, kommt es jedes Jahr neu zusammen: Aus rund 1.500 Bewerbungen aus aller Welt wählt eine Jury etwa 100 bis 120 Musikerinnen und Musiker unter 27 Jahren aus, die einander zuvor meist nicht kannten. Ende Juni – gut sieben Wochen vor diesem Abend – kamen sie in Rendsburg zusammen, probten miteinander, tourten miteinander und verschmolzen in dieser kurzen Zeit zu einem Klangkörper mit eigener Identität.