- Zeitenwende in Kiel? Flottillenadmiral Christian Walter Meyer erklärt die militärische Notwendigkeit. Ein Deal, der Kiels Stadtplanung auf den Kopf stellt. (Bild: falkemedia Regional/S. Schulten)
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- Florian Schmidt von der SchwentineFlotte machte seinem Ärger Luft. (Bild: falkemedia Regional/S. Schulten)
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- Die Sorge im Nacken: Eine Bürgerin blickt auf die Verantwortlichen auf dem Podium. (Bild: falkemedia Regional/S. Schulten)
Gestern Abend wurde in der Halle 400 eines klar: Die Weltlage ist in Kiel angekommen. Zehn Jahre Planung für hippe Lofts und Förde-Idylle zwischen Holtenau und Friedrichsort – jetzt hat die Realität diesen Traum wie eine Bombe platzen lassen.
Zwischen Sehnsuchtsort und Sperrgebiet: Die Zeitenwende am Wasser
Es war eine geladene Atmosphäre in der Halle 400. Rund 250 Menschen waren gekommen, um zu hören, was Oberbürgermeister Ulf Kämpfer und Flottillenadmiral Christian Walter Meyer als „Meilenstein“ verkauften. Doch für viele Betroffene fühlte es sich eher wie ein Mühlstein an. Der Kern des Deals: Wegen der verschärften Sicherheitslage in Europa und dem „Gegner Russland“ (O-Ton Admiral Meyer) braucht die Bundeswehr Platz. Viel Platz.
Zwei Drittel des ehemaligen MFG-5-Geländes gehen zurück an den Bund. Das Seebataillon zieht ein. Wo wir Parks, Cafés und Wohnraum für alle geplant hatten, entstehen nun Zäune und militärische Sicherheitsbereiche. „Ich habe damals für dieses Projekt Herzblut vergossen“, gab Ulf Kämpfer sichtlich bewegt zu. Doch der Preis für den Frieden, so das Credo der Verantwortlichen, ist eben auch Fläche in unserer Stadt.
Emotionale Debatte: „Wir sind keine Schutzschilde!“
Besonders bitter stieß den Kielern die Art und Weise auf, wie sie von den Plänen erfuhren. Florian Schmidt von der SchwentineFlotte sprach aus, was viele dachten. Seine Kritik war emotional und messerscharf:
„Was ich absolut unterirdisch fand... die Kommunikation war sowas von schlecht. Wir wurden nicht informiert. Wir mussten uns unsere Informationen selber holen.“
Florian Schmidt von der SchwentineFlotte machte seinem Ärger Luft. (Bild: falkemedia Regional/S. Schulten)
Schmidt machte deutlich, dass es hier nicht um „linke oder rechte Ecken“ geht, sondern um ein bunter Haufen aus Handwerkern, Ingenieuren und Ehrenamtlichen, denen man durch Geheimniskrämerei das Vertrauen entzogen hat. Wer sich als Bürger wie ein Störfaktor in der eigenen Stadtentwicklung fühlt, verliert die Lust am Mitgestalten.
Besonders hitzig wurde es, als ein Bürger die Angst vor Angriffen äußerte: „Die Bundeswehr nutzt uns als Schutzschild!“ Admiral Meyer wies das entschieden zurück: Es gehe um Abschreckung, um den Frieden überhaupt erst zu sichern.
30-Jahre-Verträge: Was ist ein Versprechen noch wert?
Auch Stephanie Rieckhof-Sothmann, die sich für das Areal am Plüschowhafen und den ehemaligen britischen Yachtclub einsetzt, zeichnete ein bedrückendes Bild. Dort wurde mit viel Liebe und langem Atem ein gemeinnütziges Projekt für Kindersegeln und maritimes Gewerbe aufgebaut – inklusive unterschriebener Erbbaurechtsverträge für die nächsten 30 Jahre.
„Die gemeinnützige GmbH hat dort einen Erbbaurechtsvertrag für 30 Jahre unterschrieben. Da frage ich, ob Sie schon eine Idee haben, wohin dieses Projekt umziehen kann, das ja eine Halle, einen Hafen und eine Slipanlage braucht?“
Die Antwort der Stadt blieb vage. Man wolle „Lösungen suchen“, doch versprechen könne man nichts. Für Projekte, die auf Jahrzehnte geplant waren, ist das ein Schlag ins Gesicht.
Die Sorge im Nacken: Eine Bürgerin blickt auf die Verantwortlichen auf dem Podium. (Bild: falkemedia Regional/S. Schulten)
Das „Puzzle-Quartier“: Wohnen in der ganzen Stadt verteilt
Um das Versprechen von 2250 neuen Wohnungen zu halten, muss die Stadt nun zaubern. Da der „integrierte Stadtteil“ am Wasser in seiner ursprünglichen Form gestorben ist, wird das Wohnen nun über das Stadtgebiet verkleckert. Ob das alte Bundeswehr-Verwaltungszentrum in der Feldstraße oder Ackerland in Meimersdorf: Die Wohnungen kommen, aber das besondere Flair eines geschlossenen Quartiers am Meer ist weg. „Das ist überhaupt kein Vergleich“, schimpfte Andreas Meyer vom Bündnis für bezahlbaren Wohnraum. Aus einer Perle der Stadtentwicklung ist ein Kompromiss-Puzzle geworden.
Ein mulmiges Gefühl bleibt
Nicht nur die Nutzer des Geländes sind besorgt. In der Wik fallen der beliebte „Wiker Balkon“ und der Zugang zur Nordmole weg. Was früher Erholungsraum war, wird wieder Festung. Ein Bürger formulierte es drastisch: Er fühle sich durch die militärische Zielscheibe inmitten der Stadt bedroht. Admiral Meyer konterte mit der Logik der Abschreckung: Man rüste auf, damit genau dieser Ernstfall nie eintritt.