- (Bild: Olaf Struck, Theater Kiel)
Zwischen Alltagsgrau und Sternenstaub entfaltet sich ein intensives Porträt einer Familie am Abgrund. Schmerzhaft ehrlich und doch voller Hoffnung.
Montagnachmittag, kurz vor fünf im Supermarkt. Christine will eigentlich nur eine Flasche Wodka aus dem Regal ziehen, doch stattdessen zieht ihr eine Hirnblutung den Stecker. Während sie dort zwischen Spirituosen und Alltagsgrau stirbt, geht das Leben ihrer Familie einfach weiter – und zwar mit einer Wucht, die sich gewaschen hat. Simon Stephens’ Stück „Am Ende Licht“, das jetzt am Kieler Schauspielhaus Premiere feierte, ist kein klassisches Trauerspiel. Es ist eine verdammt ehrliche, fast schon schmerzhaft reale Bestandsaufnahme dessen, was wir „Familie“ nennen.
Regisseurin Jana Milena Polasek lässt dieses Familiendrama nicht im Muff des bürgerlichen Wohnzimmers versauern. Auf der Bühne von Anna Bergemann sehen wir ein Gewirr aus Linien, die sich wie verstörende Lebenspfade kreuzen. Es ist eine wackelige Angelegenheit, dieses Dasein, und genau dieses Gefühl überträgt sich sofort. Während Christine (gespielt von Ellen Dorn) als eine Art „bewusster Geist“ über der Szenerie schwebt, bricht um sie herum das Chaos aus.
Da ist der Ehemann Bernhard (Imanuel Humm), der im Moment des Todes seiner Frau versucht, seinen ersten Dreier mit Michael (Yvonne Ruprecht) und Emma (Isabel Baumert) zu schieben – eine Szene, die so peinlich-berührend und menschlich-unbeholfen inszeniert ist, dass man gleichzeitig lachen und wegschauen möchte. Die Kinder sind nicht weniger „lost“: Jess (Claudia Friedel) stürzt sich in einen One-Night-Stand, Steven (Tomate Heer) kämpft mit massiven Angstzuständen im Jurastudium sowie vor Sorge, seinem Freund Andy (Rudi Hindenburg) und Ashe (Rebekka Wurst) liegt im Clinch mit ihrem toxischen Ex-Partner (Felix Zimmer).
Das Geniale an Simon Stephens Werk ist seine Sprache. Er verzichtet auf hochgestochenes Geschwafel. Seine Figuren sprechen so, wie wir sprechen, wenn alles um uns herum implodiert: lakonisch, direkt, manchmal erschreckend komisch. Im Schauspielhaus wird diese Intensität durch den Einsatz von Videoelementen und einem glitzernden Vorhang unterstützt, der das Geschehen immer wieder ins fast Kosmische hebt.
Man könnte meinen, das Ganze sei deprimierend. Ist es aber nicht. Trotz der Suchtproblematik der Mutter und der emotionalen Entfremdung der Geschwister bleibt da dieses „unsichtbare Band“. Es ist eine Geschichte über das Gesehen-Werden-Wollen in einer Welt, die sich viel zu schnell dreht. Wenn die Figuren immer mal wieder veremeintlichen Sternenstaub aus ihren Taschen zaubern, ist das kein billiger Kitsch, sondern ein Symbol für die winzigen Momente von Hoffnung, die selbst im größten Dreck stecken.
Wer Lust hat auf ein Theaterstück, das sich anfühlt wie ein tiefer Blick in den eigenen, manchmal ziemlich kaputten Spiegel, ist hier richtig. Es ist intensiv, es ist laut und am Ende – wie der Titel verspricht – ist da tatsächlich ein Lichtblick, auch wenn der Weg dahin verdammt weh tut.
Weitere Aufführungen von „Am Ende Licht“ gibt es noch bis Ende Mai. Tickets gibt es unter theater-kiel.de, telefonisch unter 0431 – 901 901 und an allen Vorverkaufsstellen des Theaters.