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Mozarts Lieblingswerk im Opernhaus Kiel

Idomeneo: Wenn die Flut die Rechnung bringt

  • Um sich aus einem Sturm zu retten, geht der kretische König Idomeneo (Dashuai Chen) einen folgenschweren Pakt mit Neptun ein, der seinen Sohn das Leben kosten soll.
    Um sich aus einem Sturm zu retten, geht der kretische König Idomeneo (Dashuai Chen) einen folgenschweren Pakt mit Neptun ein, der seinen Sohn das Leben kosten soll. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
  • Die minimalistische Bühne zwingt zu einer Fokussierung auf das Wesentliche. Ein Glück für die Inszenierung dieser Mozart-Oper.
    Die minimalistische Bühne zwingt zu einer Fokussierung auf das Wesentliche. Ein Glück für die Inszenierung dieser Mozart-Oper. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
  • Tamara Banješević gibt eine wahnsinnig energetische Elettra, der man Überzeugung, Verzweiflung und Wahnsinn jederzeit abnimmt.
    Tamara Banješević gibt eine wahnsinnig energetische Elettra, der man Überzeugung, Verzweiflung und Wahnsinn jederzeit abnimmt. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
  • Xenia Cumento (Ilia) und Clara Fréjacques (Idamante) komplettieren das Hauptrollenquartett und überzeugen mit ihrer – gesanglich wie spielerisch – zerbrechlichen Darstellung des jugendlichen Liebespaares.
    Xenia Cumento (Ilia) und Clara Fréjacques (Idamante) komplettieren das Hauptrollenquartett und überzeugen mit ihrer – gesanglich wie spielerisch – zerbrechlichen Darstellung des jugendlichen Liebespaares. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)
13/07/2026 0 0

Ein Sturm, ein Schwur, ein Sohn – und ein König, der für seine Rettung mit dem bezahlt, was er am meisten liebt. Mozarts „Idomeneo“ ist eine archaische Geschichte, gebaut aus Wind, Wasser und Schuld.

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„Idomeneo, rè di Creta“ entstand 1780/81 für den Münchner Karneval, uraufgeführt am 29. Januar 1781 – Mozart war 24 Jahre alt und noch mitten in seiner Loslösung aus Salzburger Diensten. In der Operngeschichte markiert das Werk einen Bruch: Zum ersten Mal verschmilzt Mozart die strengen Formen der italienischen opera seria mit den dramatischen Ambitionen der französischen Tragédie lyrique. Herauskommt keine Nummernrevue aus Da-capo-Arien, sondern ein Werk, das seine Figuren durch Musik psychologisch durchleuchtet – ein Vorgriff auf das, was Mozart wenige Jahre später in „Don Giovanni“ und der „Zauberflöte“ perfektionieren sollte. Mozart selbst hielt „Idomeneo“ (angeblich) zeitlebens für sein bestes Bühnenwerk, und wer die Partitur kennt, versteht, warum: Mozart komponiert hier nicht nur Musik und Rollen, sondern Menschen.

Die Handlung selbst ist von archaischer Wucht: Idomeneo, König von Kreta, gerät auf der Überfahrt nach dem Krieg mit Troja in einen tödlichen Sturm und gelobt dem Meeresgott Neptun, ihm das erste Lebewesen zu opfern, das ihm am Strand begegnet, sollte er gerettet werden. Allerdings: Es ist sein eigener Sohn Idamante, der ihn empfängt. Der Schwur wird zum Fluch, der Vater kann seinem Kind nicht mehr in die Augen sehen, und mitten hinein spielen zwei Frauen ihre eigenen Ansprüche: die trojanische Gefangene Ilia, die Idamante liebt und gleichzeitig für diese Liebe ihre eigene Herkunft verraten muss, und Elettra, die geflohene mykenische Königstochter, die Idamante ebenfalls begehrt und über die Zurückweisung fast wahnsinnig wird.

Die minimalistische Bühne zwingt zu einer Fokussierung auf das Wesentliche. Ein Glück für die Inszenierung dieser Mozart-Oper.
Die minimalistische Bühne zwingt zu einer Fokussierung auf das Wesentliche. Ein Glück für die Inszenierung dieser Mozart-Oper. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)

Karge Konsequenz

Immo Karaman und Fabian Posca haben sich in Kiel bereits mit „Samson und Dalila“ und „Don Carlos“ einen Namen als Regieduo gemacht. Karamans Bühne besteht praktisch nur aus einer schrägen Ebene, auf der sich das gesamte Drama abspielt, dazu ein paar Stühle – sonst nichts. Kein Meer, kein Palast, kein Kreta. Diese Kargheit hätte in schwächeren Händen leer wirken können, hier zwingt sie stattdessen den Blick unerbittlich auf die Körper und Gesichter der Sänger:innen. Die Schräge selbst wird zur Metapher, die man nicht erklärt bekommt, sondern spürt: Nichts steht hier fest, jede Figur balanciert, jeder Schritt kostet Kraft. Für Posca als Choreograf ist das Tanzensemble, das immer wieder in die Handlung eingreift, folgerichtig keine Dekoration, sondern ein zweiter, wortloser Chor der Ängste und Zwänge, die die Figuren umtreiben.

Tamara Banješević gibt eine wahnsinnig energetische Elettra, der man Überzeugung, Verzweiflung und Wahnsinn jederzeit abnimmt.
Tamara Banješević gibt eine wahnsinnig energetische Elettra, der man Überzeugung, Verzweiflung und Wahnsinn jederzeit abnimmt. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)

Elektrisierende Sangesleistungen

Getragen wird der Abend maßgeblich von zwei außergewöhnlichen Leistungen. Tamara Banejśević gibt eine Elettra, die von der ersten Arie an unter Strom steht – ihre Wut ist nie plakativ, sondern kalt kalkuliert und bricht dann, im finalen Zusammenbruch, umso brutaler durch. Das ist Gesang als Nervenzusammenbruch in Zeitlupe, präzise gesetzt und doch völlig unberechenbar. Dashuai Chen als Idomeneo begegnet ihr mit einer Präsenz, die den König nie zur tragischen Karikatur werden lässt: Man nimmt ihm die Zerrissenheit zwischen Herrscherpflicht und Vaterliebe in jeder Phrase ab, ohne dass er dafür je in Selbstmitleid verfällt.

Xenia Cumento (Ilia) und Clara Fréjacques (Idamante) komplettieren das Hauptrollenquartett und überzeugen mit ihrer – gesanglich wie spielerisch – zerbrechlichen Darstellung des jugendlichen Liebespaares.
Xenia Cumento (Ilia) und Clara Fréjacques (Idamante) komplettieren das Hauptrollenquartett und überzeugen mit ihrer – gesanglich wie spielerisch – zerbrechlichen Darstellung des jugendlichen Liebespaares. (Bild: Theater Kiel, Olaf Struck)

Flankiert werden beide von Clara Fréjacques als Idamante und Xenia Cumento als Ilia, die dem jugendlichen Paar genau die Verletzlichkeit geben, die es braucht, um gegen die beiden übermächtigen Gegenspieler zu bestehen – ohne sie würde die Balance des Abends kippen, mit ihnen trägt sie. Eine gewaltige Kraft entwickelt zudem der Opernchor unter der Einstudierung von Gerald Krammer: Wo die Bühne leer bleibt, füllt der Chor den Raum mit einer Wucht, die die kollektive Angst vor dem Zorn der Götter körperlich spürbar macht.

Felix Pätzold führt das Orchester einmal mehr mit sicherer Hand durch die dramatischen Wechselbäder der Partitur und liefert genau die Untermalung, die die Kargheit der Bühne braucht: hohe Dynamik dort, wo Idomeneos Schuld und Elettras Wut eskalieren, aber auch spürbare Lust am Spiel in den leichteren, tänzerischen Passagen. Das Orchester atmet mit den Sänger:innen – ein weiterer Grund, warum die Reduktion auf der Bühne nie ins Leere läuft.

Der Griff in die Gegenwart

Eine oft gestellte Frage, ist die nach der inhaltlichen Relevanz alter Stücke im Hier und Jetzt. Die Aktualität von „Idomeneo“ mag etwas versteckter sein, als etwas bei der Karaman/Posca-Inszenierung von „Samson und Dalila“, liegt allerdings auch nicht fern: Es ist die Geschichte eines Mächtigen, der in der Not ein Versprechen abgibt, dessen Preis am Ende nicht er selbst, sondern die nächste Generation bezahlt. Darin kann man schon eine Parabel auf Entscheidungen erkennen, die heute unter dem Druck akuter Krisen getroffen werden und deren Folgen erst später, bei denen, die nach uns kommen, tatsächlich fällig werden.

Fazit

Ein konsequenter, streckenweise schmerzhaft präziser Abend, der Mozarts frühes Meisterwerk ernst nimmt, ohne es zu musealisieren. Die Kargheit der Bühne ist Zumutung und Stärke zugleich, die Besetzung trägt sie mühelos.

Für das Opern-Ensemble geht es jetzt erst mal in die Sommerpause. Wer Lust auf eine musikalische Reise ins antike Kreta bekommen hat, kann dem Spektakel aber an zahlreichen Terminen ab September und bis ins neue Jahr hinein beiwohnen. Tickets gibt es wie immer über theater-kiel.de, telefonisch unter 0431 – 901 901 und an allen Vorverkaufsstellen des Theaters.


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ÜBER DEN AUTOR

Sebastian Schack
Sebastian Schack

… ist geborener Kieler und war bei Falkemedia, dem Medienhaus hinter KIELerleben, mehr als zehn Jahre lang Chefredakteur der Mac Life, Europas größtem Apple-Magazin. In seiner Freizeit schreibt er aus alter Verbundenheit regelmäßig über Konzerte des Schleswig-Holstein Musik Festival oder Aufführungen am Theater Kiel vom Schauspiel über die Oper bis zum Orchester.


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