- Anastasia Kobekina beim Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festival 2026. (Bild: SHMF, Agentur 54° Felix König)
Der Konzertsommer ist da. Mit dem Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals ist am Samstagabend das gestartet, worauf der Norden seit Monaten hingefiebert hat: mehr als 200 Konzerte bis Ende August, und ein Auftakt, der klarmachte, warum dieses Festival weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen hat.
Das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Karina Canellakis hatte sich für den Abend zwei Schwergewichte der Romantik vorgenommen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und die genau deshalb so gut zusammenpassten: Antonín Dvořáks Cellokonzert h-Moll op. 104 und Gustav Mahlers Erste Sinfonie, bekannt unter dem Beinamen „Titan".
Ein Cellokonzert, geboren aus Heimweh
Dvořák schrieb sein Cellokonzert 1894/95, während er als Direktor des National Conservatory of Music in New York lebte – gefeiert, gut bezahlt, aber zunehmend heimwehkrank nach Böhmen. Diese Sehnsucht hört man dem Werk in jedem Takt an: In den langsamen Sätzen mischen sich böhmische Melodien mit echter Trauer, und die berühmte Schlusspassage entstand erst, nachdem Dvořák die Nachricht vom Tod seiner Schwägerin Josefina erhalten hatte, der er zeitlebens sehr zugetan war. Er baute daraufhin ein Zitat ihres Lieblingslieds in den letzten Satz ein – ein stilles, sehr persönliches Denkmal, versteckt in einem der virtuosesten Konzerte, die je für das Instrument geschrieben wurden. Selbst Johannes Brahms soll nach dem Kennenlernen des Werks bedauert haben, kein eigenes Cellokonzert dieser Güte komponiert zu haben.
Dass es dieses Cellokonzert gibt, ist dabei ein kleines Wunder, schließlich soll Dvořák kein großer Fan des Instruments gewesen sein. Ihm wird das Zitat „Das Cello ist ein Stück Holz, das oben kratzt und unten brummt“ zugeschrieben.
Als Solistin stand mit Anastasia Kobekina eine beim SHMF wohlbekannte Künstlerin am Pult: Vor zwei Jahren wurde sie hier mit dem Leonard Bernstein Award ausgezeichnet, seither ist ihre Karriere endgültig durchgestartet – Exklusivvertrag bei Sony Classical, 2024 ihr Debüt bei den BBC Proms, ausgerechnet mit diesem Dvořák-Konzert. Diese Vertrautheit mit dem Werk war an jeder Stelle zu spüren. Kobekina spielte mit jener Mischung aus technischer Souveränität und emotionaler Direktheit, die ihren Ruf begründet hat: warm im Ton, nie effekthascherisch, mit einem untrüglichen Gespür dafür, wann eine Phrase Raum zum Atmen braucht. Das Orchester unter Canellakis begleitete aufmerksam und dynamisch, ohne die Solistin je zuzudecken – ein Zusammenspiel, das bestens eingespielt wirkte.
Vom Naturidyll zur Explosion
Nach der Pause dann das Kontrastprogramm: Mahlers Erste Sinfonie, 1887/88 komponiert und vom Komponisten selbst ursprünglich als fünfsätzige „symphonische Dichtung“ mit programmatischem Titel und Zwischentiteln angelegt, bevor er sich später von dieser erzählerischen Fassung wieder distanzierte. Was blieb, ist eine Musik voller Widersprüche: Vogelrufe und Kuckucksmotive zu Beginn, ein Trauermarsch im zweiten Satz, der ausgerechnet auf der Kinderliedmelodie „Bruder Jakob“ basiert – nur eben in Moll verzerrt und von schräger Klezmer-Musik durchsetzt –, und ein Finale, das Mahler selbst einmal als Weg „vom Inferno zum Triumph“ beschrieb. Es ist eine Sinfonie, die ständig zwischen naivem Volkston, Ironie und emotionalem Überwältigungswillen hin- und herspringt, und genau darin liegt ihr Reiz.
Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielte diesen Kontrastreichtum mit spürbarer Lust am Detail aus – von den fahl schimmernden Streicherflächen des Kopfsatzes bis zum monströs auftrumpfenden Blech im letzten Satz, in dem am Ende alle acht Hörner stehend spielten. Canellakis, die als Chefdirigentin des Netherlands Radio Philharmonic Orchestra sowie als gefragte Gastdirigentin unter anderem bei den Nobelpreis-Konzerten und der „First Night of the Proms“ international geschätzt wird, dirigierte mit der ihr eigenen Klarheit: präzise in den Übergängen, aber immer bereit, dem Orchester in den großen Steigerungen freien Lauf zu lassen. Das Ergebnis war ein Finale, das den Saal regelrecht aufheulen ließ.
Fazit
Ein rundum gelungener, mitreißender Saisonauftakt, der Lust auf den Festivalsommer macht. Wer den Abend verpasst hat: Das Konzert wird am Sonntag, den 5. Juli, noch einmal in der MuK Lübeck wiederholt und ab 20:15 Uhr live auf NDR Kultur, im Fernsehen auf 3sat sowie im Stream auf ndr.de übertragen. Das SHMF läuft noch bis zum 30. August, Programmschwerpunkt in diesem Jahr ist die Musikstadt Stockholm. Tickets und weitere Termine gibt es unter shmf.de.