- Uwe Wanger (li.) überträgt die Geschäftsführung von Kiel-Marketing nach fast 20 Jahren an Johannes Hesse. (Bild: Jan-Michael Böckmann / Kiel-Marketing)
Nach 18 Jahren bei Kiel-Marketing tritt Johannes Hesse ab Februar 2026 die Nachfolge von Uwe Wanger als Geschäftsführer an. Im Gespräch mit KIELerleben spricht er über die Bedeutung von Kontinuität, sein Netzwerk in Stadt und Region, den Charme von Kiel und seine großen Visionen – von Olympia bis zum Meeresvisualisierungszentrum.
KIELerleben: Herr Hesse, nach 18 Jahren im Team von Uwe Wanger übernehmen Sie nun die Geschäftsführung bei Kiel-Marketing. Warum ist das für Sie ein logischer Schritt?
Johannes Hesse: Die aktuelle Lage in Kiel spricht für Kontinuität. Wir haben einen neuen Oberbürgermeister, personelle Wechsel in den Dezernaten, eine schwierige Haushaltslage. In so einer Phase ist es enorm wichtig, vorhandene Stärken zu sichern und mit Erfahrung weiterzuentwickeln. Ich konnte als Bewerber für die neue Rolle in einem breiten externen Ausschreibungsverfahren überzeugen und weiß damit auch die städtischen Gremien im Rücken.
Welche Stärken bringen Sie konkret mit?
Ich bringe ein extrem breites Netzwerk mit. Zu Politik, Verwaltung, privaten Partnern und unseren Vereinsmitgliedern. Durch meine bisherige Rolle als Geschäftsbereichsleiter Stadtmarketing habe ich viele dieser Beziehungen auf Augenhöhe aufgebaut. Das erleichtert mir den Start enorm. Und ich spüre großen Rückhalt im Team, was für mich nicht selbstverständlich ist. Im Führungskreis habe ich die Entwicklung Kiel-Marketings mit viel Herzblut mitgeprägt. Dabei ging es nie um Karriere, sondern darum, etwas für Kiel zu bewegen.
Kiel-Marketing gilt als besonders vernetzt. Welche Rolle spielt das Netzwerk bei der Projektarbeit?
Eine riesige! Unsere Struktur ist ja eine Art institutionalisierte Public-Private-Partnership. Wir bringen Akteure aus Stadtverwaltung, Kultur, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an einen Tisch. Ohne diese Netzwerke hätten Projekte wie das Leuchtturmfest in Friedrichsort oder das Ocean Race in Kiel nie funktioniert.
Apropos Großprojekte: Olympia polarisiert in Kiel. Sie sind klar dafür – warum?
Weil es eine einmalige Chance ist. Olympia bringt Investitionen in Infrastruktur, internationale Aufmerksamkeit und einen Zusammenhalt in der Region, wie ihn kaum etwas anderes auslösen kann. Und: Kiel hat’s erlebt. Olympia 1972 hat die Stadt verändert. Es gibt bleibende Strukturen wie die Olympiabrücke. Ich weiß, es gibt auch Sorgen. Aber wir wollen die Menschen mitnehmen, zeigen, was es konkret vor ihrer Haustür bewirken kann. Ich sitze im Olympia-Beirat, und wir bereiten gerade eine Kampagne vor, die genau diese Fragen beantwortet. Was heute fehlt, kann Olympia bringen.
Kritik kommt oft von links: zu viel Geld für Großprojekte, zu wenig für Soziales. Wie begegnen Sie dem?
Mit Respekt. Und mit Argumenten. Olympia ist nicht Selbstzweck. Wenn wir es gesamtstädtisch richtig machen, profitieren nicht nur Sportfans, sondern auch Schüler*innen, Vereine, Kulturschaffende. Ich glaube, viele haben Angst, dass an ihnen vorbeientwickelt wird. Deshalb ist Glaubwürdigkeit entscheidend. Aus Stadtmarketingsicht geht es uns um die Belebung der Stadt in all ihren Facetten. Wir verstehen uns dabei als Teil der Stadtgesellschaft.
Wo sehen Sie Ihre inhaltlichen Prioritäten?
Ich möchte die Quartiersarbeit weiter stärken. Die lebendige Stadt entsteht aus lebendigen Vierteln. Gleichzeitig sehe ich das Meeresvisualisierungszentrum (MVZ) als unser wichtigstes Großprojekt. Es bringt Meeresschutz, Wissenschaft und Tourismus zusammen und kann ein echter Besuchsgrund für Kiel werden. Die wirtschaftliche Wirkung ist enorm, das hat das Sealevel-Projekt schon gezeigt. Das MVZ ist unser wichtigstes Großprojekt, die wirtschaftlichen Effekte für die Region in Höhe von 39 Millionen Euro jährlich wären enorm und relativieren die Baukosten.
Und wie steht es um die Stadtbahn?
Grundsätzlich richtig. Hochwertiger ÖPNV ist wichtig für eine Stadt wie Kiel. Aber ich sehe aktuell andere Prioritäten. Die Bauphase wäre lang und belastend. Olympia könnte sogar helfen, zentrale Infrastrukturprojekte schneller umzusetzen – etwa neue Hochbrücken, die die Stadtbahn ermöglichen würden. Aber als Projekt steht für uns das MVZ klar vor der Stadtbahn.
Sie engagieren sich auch bundesweit. Welche Impulse nehmen Sie mit nach Kiel?
Ich bin Landessprecher im Bundesverband City- und Stadtmarketing und kenne aus dieser Arbeit rund 30 Städte in Schleswig-Holstein intensiv. Das hilft mir, Best Practices nach Kiel zu bringen – von Digitalisierung im Handel über Quartiersentwicklung bis zu Eventformaten. Ich glaube nicht an Vorbildstädte. Aber man kann sich aus vielen Orten gute Ideen holen.
Gibt es Städte, von denen Sie sagen: Da lohnt es sich für Kiel ganz besonders, genau hinzusehen?
Ich bin kein Fan davon, eine Stadt als ganzheitliches Vorbild zu benennen – da hinkt der Vergleich oft. Aber es gibt einzelne Facetten, bei denen andere Städte uns voraus sind. Ein gutes Beispiel für den Umgang mit Digitalisierung für die lokale Wirtschaft ist Ahaus in NRW. Viele Impulse der Stadtentwicklung finden sich in Kiels Partnerstadt Aarhus, bei der zukunftsweisenden Nutzung von Leerständen lohnt ein Blick nach Bremen. In vielen Themenbereichen gilt Kiel selbst in den Branchen Tourismus- und Stadtmarketing als Vorreiter. Hier blicke ich auf die extrem erfolgreiche Arbeit meines Vorgängers Uwe Wanger zurück, der die Entwicklung der erlebbaren Marke Kiel.Sailing.City wie kein anderer geprägt hat. Ich trete mit Respekt und Vorfreude in sehr große Fußstapfen und bin dankbar für fast zwei Jahrzehnte toller Zusammenarbeit.
Was macht den Reiz von Kiel für Sie persönlich aus?
Ich bin leidenschaftlicher Wahlkieler. Ich wollte an die Küste, habe in Hamburg studiert und bin dann initiativ nach Kiel gekommen. Ich liebe die Kombination aus Stadt und Wasser, diese herbe Nordlichkeit, das Authentische. Wenn ich freihabe, bin ich mit dem Seekajak zwischen Tiessenkai und Bülker Leuchtturm unterwegs. Ich will hier nicht mehr weg. Für Kiel-Marketing wünsche ich mir, dass wir unsere Superkraft, die Stadt, Wirtschaft, Kultur und Tourismus verbindet, weiter für eine lebendige Stadt einsetzen können.