- Nemorino (Dashuai Chen) ist unsterblich verliebt in Adina (Xenia Cumento). (Bild: Olaf Struck, Theater Kiel)
- Dulcamara (Matteo Maria Ferretti), der Quacksalber, hält Einzug ins Dorf. (Bild: Olaf Struck, Theater Kiel)
- Die Kulissen sind allesamt mit großer Liebe zum Detail und in handwerklicher Perfektion entstanden. (Bild: Olaf Struck, Theater Kiel)
Der Staub der Wüste glitzert im Scheinwerferlicht, die Revolver sitzen locker, und über allem schwebt dieser unvergleichliche Belcanto-Zauber.
Wer gestern Abend das Kieler Opernhaus betrat, fand sich nicht an der Förde wieder, sondern mitten in einem Italo-Western-Set der 60er Jahre. Es war die Premiere von Gaetano Donizettis „L’elisir d’amore“ („Der Liebestrank“), und was das Regie-Duo BARBE&DOUCET hier auf die Bühne gezaubert hat, ist nichts weniger als ein Geniestreich an Detailverliebtheit und Spielwitz.
Bevor wir uns dem Rausch der Bilder hingeben, ein kurzer Blick zurück: Gaetano Donizetti schuf dieses Juwel der komischen Oper im Jahr 1832 in einer schier unglaublichen Geschwindigkeit. In nur knapp zwei Wochen komponierte er die Geschichte nach einem Libretto von Felice Romani. Die Uraufführung in Mailand war ein Triumph, der den Grundstein für Donizettis Weltruhm legte.
Die Handlung ist so zeitlos wie charmant: Der schüchterne Nemorino liebt die wohlhabende und gebildete Adina. Da er bei ihr nicht landen kann, setzt er seine ganze Hoffnung in einen „Liebestrank“ – in Wahrheit billiger Bordeaux –, den ihm der durchreisende Quacksalber Dulcamara für teures Geld verkauft. Was folgt, ist ein Verwirrspiel aus Eifersucht, Weinseeligkeit und der Erkenntnis, dass wahre Liebe keinen Zaubertrank benötigt.
Dulcamara (Matteo Maria Ferretti), der Quacksalber, hält Einzug ins Dorf. (Bild: Olaf Struck, Theater Kiel)
Ein Ensemble in Hochform
Das Kieler Ensemble agierte gestern mit einer Spielfreude, die das Publikum förmlich von den Sitzen riss. Man hatte das Gefühl, Xenia Cumento (Adina) habe nur auf diese Rolle gewartet. Mit einer leuchtenden Sopranstimme und einer beeindruckenden Beweglichkeit in den Koloraturen verlieh sie der Adina eine Mischung aus kühler Distanz und tiefem Gefühl. Ihr Spiel war nuanciert, jede Geste saß – eine Darbietung von großer Souveränität.
Als liebeskranker Außenseiter war Dashuai Chen (Nemorino) das emotionale Zentrum des Abends. Sein Tenor besitzt einen warmen, schmelzenden Kern, der besonders in der berühmten Romanze „Una furtiva lagrima“ für Gänsehaut sorgte. Mit inniger Phrasierung und vulnerabler Ausstrahlung sang er sich direkt in die Herzen der Zuschauer, was ihm völlig zu Recht stürmischen Zwischenapplaus bescherte.
Matteo Maria Ferretti gab den betrügerischen Wunderheiler Dulcamara mit einer sympathischen Kauzigkeit und einer bassbaritonalen Fülle, die den ganzen Raum einnahm. Mit punktgenauem komödiantischen Timing füllte er die Rolle des schillernden Scharlatans mit jeder Menge Charisma und stimmlicher Präsenz aus.
Abgerundet wurde dieses Solist:innen-Ensemble durch Samuel Chan, der als eitler Sergeant Belcore mit markigem Bariton und komischem Machismo punktete, sowie Sujin Choi, die der Gianetta mit ihrem silbrigen Sopran ein wunderbar lebendiges Profil verlieh.
Die Kulissen sind allesamt mit großer Liebe zum Detail und in handwerklicher Perfektion entstanden. (Bild: Olaf Struck, Theater Kiel)
Kulissenzauber und Orchesterglanz
Dass dieser Abend so reibungslos und optisch überwältigend über die Bühne ging, ist auch dem gesamten Team hinter den Kulissen zu verdanken. Das Bühnenbild – ein detailgetreues Western-Filmset mit authentischem Flair – war ein Fest für die Augen. Dass die gesamte Technik-Mannschaft am Ende gemeinsam mit den Sänger:innen, Tänzer:innen und der Statisterie auf der Bühne gefeiert wurde, war eine verdiente Geste für diese handwerkliche wie logistische Meisterleistung.
Das Philharmonische Orchester Kiel unter der Leitung von Chenglin Li bewies einmal mehr seine Sonderklasse. Li führte das Orchester mit Präzision und einem feinen Gespür für die Spritzigkeit der Partitur durch den Abend. Der von Gerald Krammer einstudierte Chor präsentierte sich gewohnt souverän und agierte mit einer ansteckenden Begeisterung, die den Funken sofort überspringen ließ.
Dieser „Liebestrank“ ist ein Pflichttermin nicht nur für Opern-Fans, sondern auch für alle, die auf den richtigen Zeitpunkt für ihren ersten Opernbesuch warten. Eine Produktion, die vor Witz sprüht, optisch berauscht und sängerisch auf höchstem Niveau überzeugt. Ein Abend, der noch lange nachklingt!
Weitere Vorstellungen finden am 27. März sowie im April und Mai 2026 statt.
Karten und Informationen unter theater-kiel.de.