Während der Rest der Welt am 8. Mai 1945 den Frieden feierte, herrschten in Flensburg völlig andere Zustände. In ihrem neuen Buch „Die letzten Tage der Diktatur“ deckt die Flensburger Autorin Svenja Falk ein Kapitel norddeutscher Geschichte auf, das viele so nicht auf dem Schirm haben: Die Zeit, als Flensburg zum letzten Rückzugsort der NS-Elite wurde.
Es ist ein bizarres Bild, das Svenja Falk in ihrem Werk zeichnet: Die Wehrmacht hat bereits überall kapituliert, doch im hohen Norden wird die NS-Diktatur künstlich am Leben erhalten. Unter Großadmiral Dönitz, dem offiziellen Nachfolger Hitlers, bildet sich in Flensburg-Mürwik eine Enklave des Wahnsinns.
Champagner und Hinrichtungen: Die Scheinwelt von Mürwik
Während die Stadt Flensburg im Chaos versinkt – überlaufen von tausenden Flüchtlingen aus den Ostgebieten, befreiten KZ-Insassen und hungernden Zwangsarbeitern – spielt die Dönitz-Entourage in Mürwik weiterhin „Staatsverwaltung“. In einer Zeit, in der der Krieg offiziell längst beendet ist, lassen sich die Nazi-Größen von Salonkellnern fürstlich bedienen, während einflussreiche Nationalsozialisten im Schloss Glücksburg residieren.
Besonders erschütternd: Obwohl der Krieg verloren ist, lässt Dönitz im Twedter Holz noch immer „aufsässige“ Soldaten wegen Fahnenflucht oder Gehorsamsverweigerung erschießen. Ein letztes Aufbäumen einer Schreckensherrschaft, die sich weigert, die Realität anzuerkennen.
Ein gefährlicher Plan: Die Westalliierten als Verbündete?
Svenja Falk beschreibt detailliert das Kalkül hinter der Flensburger Regierung: Dönitz und sein Stab versuchten verzweifelt, die deutschen Truppen den Westalliierten als Verbündete für einen potenziellen Angriff auf die Sowjetunion anzudienen. Eine gefährliche Illusion, die das Ende der Nazi-Herrschaft um kostbare Tage hinauszögerte, während die Bevölkerung vor den Trümmern ihrer Existenz stand.
„Die letzten Tage der Diktatur“ ist ein fesselndes Porträt einer Stadt im Ausnahmezustand und eine wichtige Mahnung an ein oft vergessenes Detail unserer Regionalgeschichte.
Buch-Tipp
Svenja Falk: Die letzten Tage der Diktatur Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-96694-7