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König Lear im Schauspielhaus

Der Wahn des Königs

  • König Lear und die Mäntel.
    König Lear und die Mäntel. (Bild: struck-foto)
03/10/2011 0 0

Die Gier brachte den Tod. Der König verlangte nach Schmeichelei, der Bastard und die Frauen gierten nach Macht und verbotenen Fleischesfrüchten. Ihr Weg war Verrat und Mord. Ihr aller Tod das wünschenswerte Ende. Daniel Karasek und sein Team fügten Shakespeares König Lear zu einer durchgehend stimmigen Inszenierung, welche die Aufmerksamkeit des Publikums aufs Kurzweiligste gefangen hielt. Die Zuschauer dankten es mit freudig kräftigem und lang anhaltendem Beifall.

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Shakespeare schöpfte aus dem ganzen Elend menschlicher Schwächen und Begierden. König Lear verstößt die ehrliche Tochter und gibt all seine Macht den heuchlerisch schmeichelnden Schwestern. Die geehrten Heuchlerinnen verstoßen den Vater, der verlassen und gramvoll dem Wahn anheim fällt. Zugleich im Hause Gloucester die Intrige des unehelichen Sohnes gegen Vater und Bruder bis hin zur Blendung des eigenen Vaters. Die Machtmenschen verraten und vergiften sich schließlich gegenseitig oder fallen unter dem Schwertstreich eines der letzten Getreuen des Königs. Am Ende obsiegen die Königstreuen, doch das Reich ist kriegsverheert und der König tot.

Ganz Stimme und Spiel

Shakespeare verlegte die Handlung in eine Zeit weit vor Merlin und Artus. Das war zu Beginn des 17. Jahrhunderts ebenso mythische Vorzeit wie noch heute. Zeitlos und angemessen karg zeigt sich die aktuelle Kieler Inszenierung und verzichtet größtenteils auf gestalterische Bühnenelemente. Umso stärker strahlte am Sonnabend das darstellerische Spiel. Weitgehend für sich wirkend zog es die Aufmerksamkeit des Publikums ganz auf sich und hielt dieses durchgehend gefangen. Bei einer solch erfreulichen und den Zuschauer überaus befriedigenden Ensembleleistung, wie wir sie in der Premiere erlebten, ist es nicht einfach die einen oder den anderen herauszustellen.

Wenn dies auch notwendig kleinere Ungerechtigkeiten bewirken muss, soll dennoch nicht unerwähnt bleiben, dass unter anderem Rainer Jordan als König Lear, Marko Gebbert als Graf von Kent, Werner Klockow als Graf von Gloucester sowie Pina Bergemann als jüngste Tochter Cordelia mit nochmals anschwellendem Applaus bedacht wurden. Spiel und Stimme der Bergemann konnten in einigen Szenen selbst im routiniert distanzierten Theaterbesucher ein Empfinden innerer Berührung auslösen. Klockow überzeugte durch eine sehr glaubwürdige Verkörperung des aufrechten und treuen Vasallen. Gebbert war wie stets leidenschaftlich mit ganzem Wesen im Einsatz, was vortrefflich mit dem ehrlich offenen und keinen Faustkampf scheuenden Grafen Kent verschmolz. Die große Rolle des alten Königs schließlich, die Rolle des ungerechten alten Mannes im Wahn, im Scheitern und im schmerzvollen Erkennen, sie wurde von Rainer Jordan schlicht großartig gelebt.

Abgelegte Mäntel mit Schneekanone

Wie berichtet, war die Bühne überwiegend karg und leise, ließ dem Spiel und den Stimmen Raum, schrie nicht bereits für sich allein in die Aufmerksamkeit des Publikums. Dies erinnerte, so man möchte, an frühneuzeitliche Traditionen, wie sie mittlerweile selbst in populären online Nachschlagewerken festgehalten werden. Ein gleiches trifft zu für das trefflich parodistische Bild des pflanzlich gekrönten Lear auf dem Höhepunkt seines Wahns. Von den drei, vier Elementen, welche neben und mit Darstellern auf der Bühne wirkten, können die zwei Hauptsächlichen nicht unerwähnt bleiben, nämliche Mäntel und Schneekanone. 

Gleich in einer anfänglichen Szene häufte einer der Bösewichte einen Stapel alter Militärmäntel auf die Bühne. Dort lagen sie lange Zeit und bildeten das fast einzige vorder bühnengestalterische Merkmal. Die abgelegten Mäntel wirkten nie fehl am Platze, gaben Blickfang und lenkten doch nicht ab. Zu einer wunderbar gelungenen Szene verschmolzen sie zudem mit der Schneekanone. Dem wild tobenden Wetter ausgesetzt reckte sich König Lear vom Mantelhügel aus den Elementen entgegen, rief seinen Schmerz hinaus. Zugleich legte sich ein von hinten laut empor gepusteter, stetig fallender Papierschnippselschnee auf die tragische Gestalt und die alten, nutzlos gewordenen Mäntel. 

Das Messer an der Kehle

Mäntel trugen auch die hohen Herren des Reichs. Die Kostümierung war geschickt in ihrer Symbolik, weder zu laut noch zu leise und angenehm frei von krampfaktualisierender oder pseudohistorischer Assoziation. Wobei die älteren Töchter gegenüber ihrem Vater zunächst züchtig im langen und hochgeschlossenen, streng gegürtetem Kleid, nicht unähnlich germanischen Frauengewändern auf historischen Gemälden des 19. Jahrhunderts, auftraten. Jedenfalls bot dies einen hübsch symbolischen Gegensatz zu den anschließend im Bewusstsein der dem Alten abgeluchsten Macht deutlich kürzeren Röcken über nylonbestrumpften Beinen mit hackiger Stiefelei. 

Nun kann in einem Premierenbericht und soll auch nicht alles vorweggenommen werden. Auch dann nicht, wenn es sehr gefiel und es noch viel spannendes zu berichten gibt. Daher sei abschließend nur eine ganz kleine Sache noch erwähnt, nämlich die Messer. Sicher war es an sich ausreichend, die Darsteller mit Messern statt mit Schwertern kämpfen zu lassen. Womöglich sind sperrige Schwerter auf der Bühne unansehnlich, unpraktisch und allzu ablenkend. Auch gab es sehr hübsche Kampfchoreographien, die angemessenen Ausbruch gewaltsamer Aktion aufflammen ließen. Dennoch kann es durchaus ein wenig irritieren, wenn der Adel des alten Britannien sich Straßengangstern gleich mit dem Messer an der Kehle auf dem Boden wälzt. Aber auch diese Irritation kann ihr Gutes haben, auf den geneigten Leser ganz anders wirken. Es mögen er und sie sich aufmachen und König Lear selbst erleben.

Nächste Termine:

Samstag, 15. Oktober 2011, 19.30 Uhr

Mittwoch, 19. Oktober 2011, 19.30 Uhr

Freitag, 21. Oktober 2011, 19.30 Uhr

www.theater-kiel.de

Alle Fotos: struck-foto


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ÜBER DEN AUTOR

Jörg Ludolph
Jörg Ludolph
Alte Akten und Staub der Archive sind Jörg ebenso eine Lust wie die Freuden grüner Natur und freier Kultur. Zwischen Welt da draußen und Schreibtisch pendelnd füllt er das Sammelkartenalbum des Daseins. Hauptsache bleibt, dass der Grill brennt.

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