- Ray Chen an der Sologeige, voll konzentriert auf Dirigentin Katharina Wincor. (Bild: SHMF, Agentur 54° Felix König)
Ein Abend, an dem Beethoven Thema und Vorlage ist, an dem SHMF-Eröffnungskonzert-Retter von 2025 erneut die Ehre gibt und an dem das Orchester am Ende singt.
Zwei Schläge, dann Stille. So beginnt Beethovens Ouvertüre zu „Coriolan“, und so beginnt dieser Samstagabend im Konzerthaus am Schloss: mit einer Wucht, die den Saal noch vor dem ersten Melodiebogen in die Sitze drückt. Beethoven schrieb das Stück 1807 zu Heinrich Joseph von Collins Trauerspiel über den römischen Feldherrn Coriolanus, der zwischen Rachefeldzug und der Bitte seiner Mutter zerrieben wird. Man muss die Geschichte nicht kennen, um sie zu hören: Da ist das harte, trotzige Hauptthema, da ist die flehende Gegenstimme – und am Ende zerbröselt die Musik in einzelne Pizzicato-Töne, als ginge einem Menschen der Atem aus. Katharina Wincor lässt genau das zu. Sie dirigiert mit großer, weit ausholender Geste, aber ohne jede Hektik, führt das Orchester mit einer Ruhe und Präzision, die man bei einer Musikerin ihres Alters nicht selbstverständlich findet.
Die Österreicherin, Jahrgang 1995, ist in Oberösterreich aufgewachsen, hat in Wien und Zürich Dirigieren studiert und sich international einen Namen gemacht, als sie mit Mitte zwanzig Assistant Conductor des Dallas Symphony Orchestra unter Fabio Luisi wurde. 2020 war sie Preisträgerin des Mahler-Dirigentenwettbewerbs in Bamberg, anschließend assistierte sie Iván Fischer beim Budapest Festival Orchestra. Diese Spur wird an diesem Abend noch wichtig.
Ein Solist, der den ganzen Körper einsetzt
Dann Sibelius. Sein Violinkonzert d-Moll op. 47 ist das einzige Solokonzert, das der Finne je geschrieben hat – und es ist zugleich ein spätes Selbstgespräch mit einem gescheiterten Traum: Sibelius wollte selbst Geigenvirtuose werden und schaffte es nicht. Die Uraufführung 1904 in Helsinki geriet zum Desaster, weil der eingesprungene Solist der Partitur schlicht nicht gewachsen war; Sibelius zog das Werk zurück, strich, straffte und ließ die Neufassung 1905 in Berlin spielen, mit Karel Halíř als Solist und Richard Strauss am Pult. Diese zweite Fassung ist die, die heute überall erklingt.
Sie beginnt mit einem Flirren der gedämpften Violinen, kalt und weit wie eine Landschaft im Winterlicht, über das sich die Solostimme erhebt. Ray Chen setzt hier nicht auf Zurückhaltung, sondern auf Präsenz. Der 37-Jährige spielt mit einer Virtuosität, die nie nach Fleißarbeit klingt, und mit einer Körperlichkeit, die man auch von den „billigen Plätzen“ aus sieht: Er geht in die Knie, dreht sich zu den ersten Geigen, wirft den Oberkörper in die Akzente. Das ist kein Effekt um des Effekts willen – man hört diese Bewegungen im Ton, in der teils ruppigen Attacke der Doppelgriffe im Kopfsatz, im dunklen, fast gesungenen Adagio, im Finale, das mit seiner stampfenden Punktierung tatsächlich wie ein sehr nordischer Tanz klingt.
Chens Weg zu diesem Abend ist so ungewöhnlich wie erzählenswert: 1989 in Taipeh geboren, in Brisbane aufgewachsen, mit vier Jahren erster Unterricht, mit acht das Debüt beim Queensland Philharmonic Orchestra, mit 15 Aufnahme am renommierten Curtis Institute in Philadelphia. 2008 gewann er den Yehudi-Menuhin-Wettbewerb, 2009 als jüngster Teilnehmer den Concours Reine Elisabeth in Brüssel. Heute spielt er auf einer Stradivari von 1727 und erreicht über seine Videokanäle ein Millionenpublikum, das mit Konzertsälen sonst wenig zu tun hat. Beim SHMF ist er kein Unbekannter: Im vergangenen Sommer sprang er beim Eröffnungskonzert kurzfristig für eine erkrankte Solistin ein.
Das Kieler Publikum dankt es ihm mit einem Applaus, der die Bezeichnung frenetisch verdient, und lässt ihn nicht gehen: Es werden zwei Zugaben, darunter eine ganz eigene Lesart von „Waltzing Matilda“, jener australischen Buschballade, die seiner Heimat näher ist als jede Nationalhymne. Ein Augenzwinkern, das im Saal sofort verstanden wird.
Ein Spaziergang und ein Tanz
Nach der Pause dann Britta Byström. Die schwedische Komponistin schreibt seit 2015 ihre „Walks“, inzwischen rund zwanzig kurze Stücke, die als musikalische Spaziergänge auf ein anderes Werk zulaufen – man erkennt aus der Ferne schon die Silhouette des Ziels. „A Walk to Beethoven“, 2019 entstanden und im Februar 2020 im norwegischen Bodø uraufgeführt, besteht aus 14 pausenlos ineinander übergehenden Miniaturen über das Hauptthema aus dem zweiten Satz von Beethovens Siebter. Festival-Intendant Christian Kuhnt hatte das Stück zuvor als eine eigentlich schöne Bahnreise durch das beschauliche Schweden – nur eben mit der Deutschen Bahn – beschrieben und dafür einige wissende Lacher geerntet.
Kodálys „Tänze aus Galánta“, entstanden 1933 als Auftragswerk zum 80. Geburtstag der Budapester Philharmonischen Gesellschaft, ist dann das letzte Werk des Abends. Galánta, heute in der Slowakei, war der Ort, an dem der Komponist sieben Kindheitsjahre verbrachte, weil sein Vater dort Bahnhofsvorsteher war; die berühmte Roma-Kapelle des Städtchens war, wie Kodály selbst schrieb, der erste „Orchesterklang“ seines Lebens. Herausgekommen ist ein Verbunkos im großen Format: ein schwerer, verzierter langsamer Teil, aus dem sich immer wieder rasende Steigerungen lösen. Das Klarinettensolo schlägt den gesamten Saal in seinen Bann und die Streicher stürzen sich mit großer Lust in die Beschleunigungen.
104 junge Leute, die es wirklich wollen
Diese Lust ist das eigentliche Highlight des Abends. Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra wurde 1987 von Leonard Bernstein gegründet und setzt sich jedes Jahr neu zusammen; in diesem Sommer bilden über 100 Musiker:innen aus 23 Nationen den Klangkörper. Sie qualifizieren sich in Probespielen auf allen Kontinenten, leben während der Festivalwochen im Nordkolleg Rendsburg und erarbeiten dort in Probenphasen ein Programm nach dem anderen. Man hört diesen Rahmen: Da ist kein Routineton, keine abgesessene Dienstleistung, sondern das ansteckende Gefühl, dass hier Menschen spielen, die genau das wollen und es kaum fassen können.
Und dann die Zugabe. Die Instrumente bleiben liegen. Das Orchester singt – mehrstimmig, a cappella, auf Ungarisch: „Esti dal“, Kodálys Chorsatz eines ungarischen Volkslieds, das Abendlied. Es ist eine Geste, die man aus Budapest kennt: Iván Fischers Festivalorchester singt seit Jahren als Zugabe – und Wincor hat bei Fischer assistiert.
Nach zwei Stunden entlässt dieser Abend sein Publikum mit dem, was das SHMF im besten Fall kann: großer Solist, kluges Programm, ein Orchester am Anfang seiner Karrieren – und ein Saal, der zum Schluss keine Lust hat, nach Hause zu gehen.