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SHMF

Crash! Boom! Kiel! Roxette ist live noch immer eine Rockband

  • Crash! Boom! Kiel! Roxette ist live noch immer eine Rockband
    (Bild: © Jasper Grätsch)
19/07/2026 0 0

Roxette waren auf der Bühne immer rockiger, als es die polierten Popproduktionen ihrer großen Jahre vermuten ließen. In der Kieler Ostseehalle knüpft die achtköpfige Band an diese Arenarock-Tradition an: Gitarren, ein körperlich spürbarer Bass und treibendes Schlagzeug machen aus den alten Hits einen druckvollen Rockabend.

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Die Gewichte haben sich in der heutigen Besetzung verschoben. Manches fehlt, anderes gewinnt – und immer wieder ist sie da: die Gänsehaut. Lies bis zum Ende und erfahre, welche Songs ROXETTE gespielt haben!

Ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten Konzert kehrt Roxette nach Kiel zurück. Schon in der Begrüßung von SHMF-Intendant Christian Kuhnt ist die Freude über dieses Wiedersehen zu spüren.

Zum 40-jährigen Bestehen bereichert Roxette als einer der erfolgreichsten schwedischen Pop-Acts den Stockholm-Schwerpunkt des 41. Schleswig-Holstein Musik Festivals. Die Band steht für die schwedische Kunst, Pop unmittelbar und präzise zu bauen. Nicht zufällig trägt ihre große Werkschau den Titel „Don’t Bore Us – Get to the Chorus!“: Per Gessles Songs kommen schnell auf den Punkt, setzen markante Gitarrenmotive und öffnen Refrains, die sich beim ersten Hören festsetzen.

Ihre Qualität liegt aber nicht allein in eingängigen Melodien. Die Stücke leben von klaren Spannungsbögen, vom Wechsel zwischen knappen Strophen und weit geöffneten Refrains – und vom Kontrast zwischen Gessles ökonomischem Songwriting und Marie Fredrikssons emotionaler Wucht. So entstanden Gitarrenpop, Rocknummern und große Balladen, die unmittelbar wirken und zugleich präzise genug gebaut sind, um Jahrzehnte zu überdauern.

Neben Gessle und Sängerin Lena Philipsson stehen bei der aktuellen Tour sechs Musikerinnen und Musiker auf der Bühne. Mit Keyboarder Clarence Öfwerman und Gitarrist Jonas Isacsson sind auch zwei langjährige Roxette-Weggefährten dabei.

„A Night to Remember“, verspricht Gessle gleich zu Beginn. Wer die Songs kenne, solle mitsingen. Wer sie nicht kenne, ebenfalls. Der Zusatz erweist sich schnell als überflüssig: Das Kieler Publikum kennt diese Texte. Und es ist entschlossen, sie zu singen.

Mehr Rock als Pop

„The Big L.“ beginnt noch etwas verhalten. Im mächtigen Bandsound muss Philipsson sich zunächst freisingen. Doch schon beim zweiten Song, „Sleeping in My Car“, ändert sich das Bild: Sie findet neben Gessle ihren Platz, bewegt sich im silbernen Minikleid selbstbewusst über die Bühne und flirtet mit Band und Publikum.

Spätestens bei „Dressed for Success“ stehen die Menschen auf. Gitarren und Schlagzeug treiben, Philipsson gibt den Songs Biss. Die Band wirkt gelöst, ihre Freude am Spiel ist sichtbar. Sie nimmt sich Zeit für Gitarrensoli. Der Bass entfaltet seine fast physische Wirkung.

Für diese dichte Instrumentierung ist die Ostseehalle allerdings kein idealer Raum. In voll besetzten Passagen drängen Bass und Schlagzeug weit nach vorn, Stimmen und Gitarren verlieren stellenweise an Kontur. Die Wucht kommt an. Die Feinzeichnung nicht immer.

Eine neue Balance

Für die aktuelle Tour stehen Gessle und Philipsson seit Anfang 2025 gemeinsam als Roxette auf der Bühne. In Kiel wirken sie längst eingespielt.

In dieser Besetzung tritt Gessle deutlicher hervor als früher. Seine markante Stimme klingt sofort nach Roxette und wird stärker als tragende Konstante des Abends hörbar. Philipsson steht ihm dabei ebenso selbstverständlich gegenüber: Beide übernehmen Lead-Passagen, teilen Refrains und lassen einander den Raum, den ein Song gerade verlangt.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das bei „Listen to Your Heart“. Gessle wendet sich Philipsson mit der Gitarre direkt zu. Sie greift seine musikalische Linie auf und antwortet mit der Stimme. Dann gehen beide gemeinsam in den Refrain. Für einen Moment wird der Song zum perfekten Dialog – vertraut und doch neu.

Philipsson behauptet ihren Platz mit eigener Stimme, Humor und einem sicheren Gespür für die große Rockpose. Sie steht ganz als Lena Philipsson auf dieser Bühne – selbstbewusst genug, der Erinnerung an Marie Fredriksson Raum zu lassen.

Ihre Stärken liegen vor allem in den rockigen Songs. Mit Kraft, einem markanten Stimmkern und der nötigen Schärfe setzt sie sich mühelos gegen Gitarren und Schlagzeug durch.

Bei „Crash! Boom! Bang!“ gelingt ihr eine der stärksten Interpretationen des Abends. Sie färbt die Zeilen dunkler, der satte Bass macht den Song schwerer und zeitweise fast schwebend. Im massiven Finale setzt sich ihre Lesart vollständig durch. Philipsson findet eine Form, die zu ihrer Stimme passt. Sie übernimmt nicht Fredrikssons Rolle, sie übernimmt den Song.

Wo Marie fehlt

In den Balladen braucht es andere Mittel. Wo die Songs von Rücknahme, feinen Brüchen und dem Wechsel zwischen Zartheit und Ausbruch leben, zeigt sich Philipsson weniger variabel.

„Fading Like a Flower“ gewinnt Kraft, verliert aber jene fragile Spannung, aus der der Refrain seine Wirkung bezieht. Auch bei „Spending My Time“, nur von Gessles Gitarre begleitet, stellt sich die resignierte, beinahe schwebende Verletzlichkeit nur bedingt ein.

Hier fehlt Marie Fredriksson. Sie brachte Zartheit und Zerbrechlichkeit mühelos in ihre Stimme. Zugleich konnte sie innerhalb weniger Takte von fast brüchiger Zurücknahme in volle, schneidende Kraft wechseln und jede Stimmung eines Songs ausloten. Kummer und Sehnsucht wurden unmittelbar. Fredriksson schien diese Lieder nicht zu interpretieren, sondern im Moment des Singens zu durchleben – und genau darin fanden sich so viele Menschen wieder.

Doch Ballade ist nicht gleich Ballade. Philipssons Stärke entfaltet sich dort, wo ein Stück weniger vom fragilen Geständnis als von Atmosphäre, Weite und einem großen musikalischen Bogen lebt. Dann wird ihre Kraft nicht zum Hindernis, sondern zum Gestaltungsmittel.

„Queen of Rain“ ist dafür das stärkste Beispiel. Als letzte Zugabe lässt die Band den Song weit ausschwingen. Hohe Gitarrenlinien, Bass und Schlagzeug entwickeln einen beinahe psychedelischen Sog. Philipsson trägt den Song, verdunkelt ihn und gibt ihm eine neue Schwere. Hier ist ihre Stimme die richtige Sprache für das Stück – und sie findet einen Raum, der ganz ihr gehört.

Die kleine Offenbarung

Die deutlichste neue Lesart erhält ganz unerwartet „Church of Your Heart“. Mandoline, Tamburin und Mundharmonika nehmen dem Stück die Rockschwere. Der Klang wird leicht und sonnig, irgendwo zwischen Folk, Sechzigerjahre-Pop und schwedischer Harmonieverliebtheit.

Die Musikerinnen und Musiker stehen gemeinsam vorn auf der Bühne, im warmen Licht und vor Bildern von Bäumen in der Sonne. Der dominante Bass tritt zurück, vielstimmiger Gesang rückt an seine Stelle. Die ganze Szene wirkt für einige Minuten heller und beinahe schwerelos.

Plötzlich wird hörbar, wie viel melodische Feinheit in dem Stück steckt. Aus einer Nummer abseits der größten Roxette-Klassiker wird die kleine Offenbarung des Abends – kirchlicher Kalauer ausdrücklich eingeschlossen.

Die Kraft der ganzen Band

Gessles markante Stimme gibt den Songs ihren vertrauten Kern, Philipsson verleiht vor allem den rockigen Stücken eine eigene Farbe, und die sechs Musikerinnen und Musiker sorgen mit so viel Lust für den Druck, der die Halle immer wieder aus den Sitzen hebt. Nicht jede Ballade gewinnt dabei – das Konzert als Ganzes sehr wohl.

Und dann ist da noch dieses Publikum

Das Bild prägen Menschen, die mit Roxette Ende der Achtziger- und in den Neunzigerjahren erwachsen wurden. Zwischen alten und neuen Roxette-Shirts tauchen Pullunder auf – und im vorderen Parkett ein Linkin-Park-Logo. Spätestens als der Bass die Halle durchschüttelt, wirkt auch das völlig plausibel.

Für viele im Saal sind diese Songs Teil der eigenen Biografie. Sie liefen auf Mixtapes und den ersten CDs, Roxette-Starschnitte klebten an Jugendzimmerwänden, und manches Exemplar von „Joyride“ lag seinerzeit im Nikolausstiefel. Deshalb sitzt hier nicht nur jeder Refrain. Mit ihm kehren Orte, Menschen und Momente zurück.

Die Band holt diese Erinnerungen mit viel Spielfreude ins Jetzt. Bei der Vorstellung der Musiker verwandelt Christoffer Lundquist „Pippi Langstrumpf“ in eine Rocknummer, lässt die Halle mitsingen und beendet seinen Auftritt mit einem Sprung vom Podest in bester Gitarrenheldenmanier. Kurz darauf fliegen bei „Joyride“ Luftballons über die Köpfe, Arme gehen nach oben, ganze Sitzreihen stehen.

Den emotionalen Mittelpunkt bildet „It Must Have Been Love“. Philipsson widmet das Lied Marie Fredriksson und betont, auch sie vermisse sie. Tausende Menschen singen im Licht ihrer Handytaschenlampen geschlossen mit. Für einige Minuten tragen Band und Publikum die Erinnerung gemeinsam.

Der Jubel gilt längst auch Philipsson. Die Menschen folgen ihren Gesten, reagieren auf ihren Humor und feiern ihre stärksten Momente. Sie ist an diesem Abend ganz selbstverständlich Teil von Roxette.

In der Schlussstrecke steht die Ostseehalle. Menschen singen und tanzen, Augen leuchten. Manche Bewegungen wirken deutlich jünger als die Knie, die sie am nächsten Morgen verantworten müssen.

Am Ende steht ein Roxette-Konzert ganz im Hier und Jetzt: Die Band spielt immer noch mit der Kraft einer Rockband – und die Ostseehalle singt jeden Refrain zurück auf die Bühne. Gänsehaut.

Roxette Setliste – Kiel


1. The Big L
2. Sleeping In My Car
3. Dressed For Success
4. Crash! Boom! Bang!
5. Fading Like A Flower
6. Opportunity Nox
7. Church Of Your Heart
8. Almost Unreal
9. Stars
10. She’s Got Nothing On
11. It Must Have Been Love
12. How Do You Do!
13. Dangerous
14. Joyride
15. Spending My Time
16. Listen To Your Heart
17. The Look
18. Queen Of Rain

Hier gehts zu mehr Fotos und Videos des Abends!

Text: Ilseken Roscher, Redaktion: Sebastian Schack


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ÜBER DEN AUTOR

Sebastian Schack
Sebastian Schack

… ist geborener Kieler und war bei Falkemedia, dem Medienhaus hinter KIELerleben, mehr als zehn Jahre lang Chefredakteur der Mac Life, Europas größtem Apple-Magazin. In seiner Freizeit schreibt er aus alter Verbundenheit regelmäßig über Konzerte des Schleswig-Holstein Musik Festival oder Aufführungen am Theater Kiel vom Schauspiel über die Oper bis zum Orchester.


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